OLDENBURG - Die CDU-Politiker kandidierten 1990 in Mecklenburg-Vorpommern gegeneinander. Durch ein Missverständnis seiner Anhänger verlor Zemke knapp.

Von Hans Drunkenmölle

OLDENBURG - Die steile Karriere der CDU-Kanzlerkandidatin Angela Merkel wäre beinahe zu Ende gewesen, bevor sie begonnen hatte: Unter kuriosen Umständen und mit einer nur hauchdünnen Mehrheit gewann sie vor 15 Jahren das Rennen um die Bundestags-Kandidatur im Wahlkreis 267 (Grimmen, Rügen, Stralsund). Um ein Haar hätte der als Favorit gehandelte Oldenburger CDU-Ratsherr Hans-Günter Zemke der damals noch wenig bekannten Merkel den Start in die große Politik vermasselt.

Die Rüganer CDU hatte Zemke, der wegen der Partnerschaft zwischen der Stadt Oldenburg und der Insel Rügen exzellente Kontakte dorthin hatte, auf den Kandidatenschild gehoben. Der bei der Bremer Landesbank arbeitende Finanzexperte hatte sich nach der Wende an der Ostseeküste einen guten Ruf u. a. als Wirtschaftsberater erworben. Eine Kandidatur im Wahlkreis strebte auch Klaus Hermann an, ein Mitarbeiter der CDU/CSU-Bundestagsfraktion in Bonn.

Angela Merkel hatte ihren Hut noch gar nicht in den Ring geworfen, als die Partei am 16. September 1990 „zur Wahl des Kandidaten der CDU zum Deutschen Bundestag im Wahlkreis 267“ ins Rathaus von Stralsund lud. „Ich war bestens vorbereitet und erhielt von meinen Leuten begeisterten Beifall am Ende meiner Vorstellungsrede“, erinnert sich Zemke; beim Konkurrenten Hermann sah das anders aus. Zu einer Entscheidung zugunsten des Oldenburgers kam es an diesem Abend allerdings nicht. Zemke selbst nämlich ließ die Wahl angesichts offensichtlicher Verstöße gegen die Statuten der Partei platzen: Die Delegierten der Kreisverbände waren von den Vorständen bestimmt und nicht – wie vorgeschrieben – in Mitgliederversammlungen gewählt worden. „Ich wollte ein juristisch einwandfreies Verfahren“, sagt Zemke – diese Penibilität sollte Folgen haben.

Ein korrektes Verfahren wurde, nachdem der Fall auch Rechtsexperten der CDU-Bundesgeschäftsstelle beschäftigt hatte, bei einer Wahlkreismitgliederversammlung am 27. September im „Haus der Armee“ in Prora/Rügen sichergestellt. Bis dahin wurde aus dem Kandidaten-Duo ein Trio: Günther Krause, CDU-Landesvorsitzender in Mecklenburg-Vorpommern, hatte Angela Merkel ins Spiel gebracht, die Sprecherin der Regierung Lothar de Maizière war.

Um 22.55 Uhr steht in Prora das Ergebnis des Wahlgangs fest: Von 309 Stimmen entfielen 140 auf Zemke, 69 auf Hermann und 96 auf Merkel. „Ich stand da wie ein begossener Pudel und wurde frenetisch gefeiert“, berichtet Zemke, „aber mir war sofort klar, dass eine Stichwahl mit Merkel notwendig war.“

Weil der Wahlleiter auf diesen Umstand nicht deutlich hinwies, glaubten die meisten Anhänger Zemkes, dass dessen Wahlerfolg bereits perfekt sei. 35 von ihnen verließen den Tagungsort in gutem Glauben und gingen nach Hause. Von weiter angereiste Delegierte aber mussten warten, bis ihre Busse nach Ende der Wahlversammlung abfuhren. So wurden dann im zweiten Wahlgang nur noch 274 Stimmen abgegeben; davon erhielt Zemke 131 und Merkel 141. Am 20. Dezember 1990 wurde Angela Merkel Mitglied des Deutschen Bundestages.

„Zemke war also streng genommen Merkels erstes politisches Opfer“, schreibt der Politikwissenschaftler Dr. Gerd Langguth in seiner Merkel-Biografie. Doch der Unterlegene sieht das anders: „Auch in der Politik ist Wettbewerb nicht nur eine Vokabel. Man muss die Ergebnisse akzeptieren – auch wenn sie am Ende wenig erfreulich sind.“