OLDENBURG - Aber wie erkennen wir uns?, will der Reporter vor dem Treffen noch schnell am Telefon wissen.
Maik Mutschke lacht kurz auf. Dann sagt er: Sie werden mich schon erkennen.
Angriff der Taliban
2. April 2010. Dürre Wolken baumeln am Himmel über Isa Khel, am Boden kleben flache Pfützen. Ein Trupp deutscher Fallschirmjäger tastet in Zeitlupe die Straße ab, die Soldaten suchen nach Sprengfallen. „Kreuzung erreicht“, „Ortsrand erreicht“, zäh tröpfeln die Funksprüche in die Operationszentrale Kundus.
Da schlägt plötzlich eine Granate ein, dunkler Qualm schiebt sich vor die Wolken: „Feindbeschuss!“, meldet der Trupp, ein Hinterhalt der Taliban.
Es ist nicht das erste Gefecht des Stabsgefreiten Maik Mutschke, 24 Jahre alt. „Ich weiß, wie sich das anfühlt“, sagt er: „Es knallt und zischt links und rechts neben dir, und da ist dieser Geruch, es riecht nach Krieg.“ Ein Soldat wird angeschossen, Mutschke geht in Deckung, „man funktioniert“.
Aber diesmal ist es anders.
Der erste Kamerad stirbt im MG-Feuer. Die Deutschen müssen sich zurückziehen, ein Transportfahrzeug, ein „Dingo“, fährt auf eine Mine. Die Explosion tötet zwei weitere Soldaten, fünf werden schwer verletzt, einer von ihnen ist Maik Mutschke. Ein amerikanischer Black-Hawk-Hubschrauber fliegt ihn aus dem Feuer.
Aber das weiß er alles nicht mehr, das berichten ihm viel später die Kameraden.
Vier Wochen im Koma
Seine erste Erinnerung nach dem Karfreitag ist diese hier: Neben seinem Bett stehen seine Eltern, und Mutschke denkt: Wo kommen die denn her? Da stimmt was nicht.
Vieles stimmt nicht mit Maik Mutschke: Sein linkes Auge fehlt. Der linke Arm ist gelähmt. Der Kiefer zertrümmert. Die Mundhöhle durchschlagen. Die Zunge zerfetzt. Das Jochbein gebrochen. Schädelhirntrauma. Inhalationstrauma. Nierenversagen.
Mutschke ist zurück in Deutschland, er liegt seit vier Wochen im Bundeswehrkrankenhaus Koblenz. Die Ärzte sagen den Eltern: Machen Sie sich lieber keine Hoffnungen.
„Aber hier bin ich“, sagt der Sohn in Zeven.
Es ist wieder April, zwei Jahre später. Mutschke, er ist inzwischen 26 Jahre alt, sitzt in einem Café auf dem Zevener Rathausmarkt. Vor ihm steht ein großes Stück Erdbeerkuchen, daneben dampft das Glas Latte Macchiato, und ja, man erkennt ihn: an dem starren Glasauge, an der linken Hand, die er mit der rechten Hand neben den Erdbeerkuchenteller legen muss, an den Wulstnarben auf Wange und Hals. Er trägt einen Bart.
„Vom Volk geschickt“
„Ich war der Typ, der gern draußen war“, sagt Mutschke über den Maik Mutschke vor dem Unfall.
„Unfall“. So sprechen Menschen, denen bei der Arbeit etwas zugestoßen ist.
Der Maik Mutschke von vor dem Unfall lief jeden Tag zehn Kilometer, er boxte, er schwamm. Nach der 10. Klasse wollte der gebürtige Brandenburger zum Bund, „vielleicht auch“, sagt er zögernd, „weil ich etwas erleben wollte“. Aber der Bund wollte ihn noch nicht, Mutschke machte eine Lehre zum Kfz-Mechaniker. Dann kam endlich die Einberufung, er verlängerte freiwillig den Wehrdienst, kam zu den Fallschirmjägern der Luftlandebrigade 31 Oldenburg. Er wurde Zeitsoldat, vier Jahre, acht Jahre, gern wäre er irgendwann zu den Kampfschwimmern nach Eckernförde gegangen.
Dann passierte der Unfall.
Mutschke sagt, er musste sogar das Essen neu lernen: Erst wurde er über einen Schlauch ernährt. Dann kam ein Schwamm. Wattestäbchen. Die Schnabeltasse. Sechs Monate lag er so in Krankenhäusern, wurde immer wieder operiert: Am Auge, am Arm, im Gesicht, neue Zähne wurden eingesetzt. Mutschke musste seine Muskeln trainieren, und er musste lernen, wieder in den Spiegel zu schauen. „Das war nicht einfach“, gibt er zu.
Als er das erste Mal wieder nach draußen ging, im Gesicht das Karfreitaggefecht, sprach ihn ein Mann an: Du bist doch selber schuld.
Mutschke hat seinen Latte Macchiato kalt werden lassen, sein rechtes Auge blickt zornig: „Die Leute haben keine Ahnung, was wir da unten machen!“
Er weiß nicht, ob der Bundeswehreinsatz in Afghanistan richtig ist, er hat manchen Zweifel – „aber wir entscheiden das nicht, wir werden bloß geschickt, um unsere Arbeit zu machen“. Geschickt vom deutschen Bundestag, Mutschke sagt: „Vom Volk.“
Aber das Volk sagt zu ihm: selber schuld.
In Paragraf 7 des Einsatz-Weiterverwendungsgesetzes steht: „Einsatzgeschädigte, deren Erwerbsfähigkeit infolge des Einsatzunfalls (...) um mindestens 30 Prozent gemindert ist, sind (...) auf schriftlichen Antrag in das Dienstverhältnis einer Berufssoldatin oder eines Berufssoldaten zu berufen (...).“
Mail Mutschke ist Soldat Nummer neun, bei dem das Gesetz angewendet wurde. Seit Anfang April ist er Berufssoldat.
Er kommt gerade von einem Lehrgang für Versehrte in Warendorf zurück. „Da ging es um die Frage, was man so machen kann, wenn das Auge weg ist und der Arm“, sagt er. Kampfschwimmen kann man nicht mehr machen.
In der Kaserne Seedorf bei Zeven wird der Oberstabsgefreite Maik Mutschke nun zum Materialbewirtschaftungssoldaten ausgebildet.
Seit dem Jahr 2002 beteiligt sich die Bundeswehr an der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe ISAF in Afghanistan. „Aber was das bedeutet, weiß in Deutschland keiner“, klagt Mutschke.
Es bedeutet das hier:
107 000 Bundeswehrsoldaten wurden bislang in Afghanistan eingesetzt, viele von ihnen mehrfach.
300 Soldaten wurden im Einsatz verletzt.
52 Soldaten sind im Einsatz gestorben.
Nach dem Karfreitaggefecht 2010 nannte der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg die Vorgänge in Afghanistan als erster und bislang einziger deutscher Politiker: „Krieg“.
Ende 2011 wurde das Einsatz-Weiterverwendungsgesetz verbessert. Maik Mutschke konnte Berufssoldat werden, er weiß nun: Bis zur Rente mit 54 Jahren hat er einen Job. „Das war wichtig für mich“, sagt er.
Zurück im Beruf
Er hat auch eine Tapferkeitsmedaille bekommen. Aber etwas fehlt ihm: die Anerkennung vom Volk. Rückhalt. Respekt.
„Wir müssen reden über das, was wir erlebt haben“, fordert er deshalb: „Woher sollen die Leute sonst wissen, was da unten los ist?“ Jemand müsse den Leuten sagen, was Krieg ist: das Knallen der MGs. Das Zischen der Granaten. Der Geruch. Und die Namen, die er niemals vergessen wird: Martin Augustyniak. Nils Bruns. Robert Hartert. Gestorben am Karfreitag 2010 neben Maik Mutschke in Isa Khel.
„Ich selbst bin fein raus“, sagt Mutschke, „ich lebe.“ Er hat eine Tochter, drei Jahre alt, und eine Freundin. Er trinkt den kalten Latte Macchiato aus, zieht seine Jacke an.
Ja, er würde wieder nach Afghanistan gehen, „ich bereue nichts“. Aber jetzt muss er eben in der Heimat den Kopf hinhalten.
Da geht er über den Markt von Zeven. Ein paar Leute drehen sich nach ihm um, wie immer. Wenn sie ihn fragen, was passiert ist, dann erzählt er ihnen vom Krieg.
