OLDENBURG - Wenn man nur dieses eine Leben hat, dann waren es zu viele dunkle Stunden, sagt der alte Mann mit dem traurigen Blick. Heinrich Gäfecke sitzt auf einem Stuhl in seinem Wohnzimmer.
Das Zimmer ist eines von dreien in seiner kleinen Wohnung in einem Schlichtbau aus den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts im Oldenburger Süden unweit des Drielaker Sees. So hatte ich mir mein Leben nicht vorgestellt, sagt Heinrich Gäfecke. Er hat Tränen in den Augen, wenn er erzählt.
Ich bin angekommen am Ende meiner langen Lebensreise, weiß der schwer kranke Rentner, der von der staatlichen Grundsicherung leben musste. Solange, bis in Berlin vor einigen Monaten entschieden wurde, die überlebenden Opfer der schwarzen Pädagogik in vielen Heimen der damals jungen Bundesrepublik doch noch zu entschädigen, ihnen für einen würdigen Lebensabend wenigstens Geld zu geben für das Leid, das sie bis heute belastet.
Das erste Fest
Vor wenigen Tagen hat Heinrich Gäfecke nach vielen Jahren wieder gefeiert. In der alten Schule in Neuenwege haben sich jene Menschen versammelt, die Heinrich Gäfecke, dem geprügelten und missbrauchten Heimkind der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, nahe stehen. Es war ein schönes Fest, sagt er und die Erinnerung an diese ausgelassenen Stunden erhellt für kurze Zeit die dunklen Bilder der Vergangenheit.
Heinrich Gäfecke war die ersten 20 Jahre seines Lebens ein Heimkind und ist es irgendwie heute immer noch 60 Jahre später.
Man sagt, die ersten sieben Jahre prägen einen Menschen. Für Heinrich Gäfecke, geboren am 25. März 1932 in Oldenburg, gilt das ganz besonders. Schon vor dem zweiten Weltkrieg stecken die Nazis ihn ins Heim. Vorher hatten SA-Schläger seinen Vater fast zu Tode geprügelt. Er war Ausfahrer in einem Oldenburger Porzellangeschäft und ein Gegner der Nazis. Das haben die ihn spüren lassen.
Im Waisenstift Varel, vor und in den ersten 20 Jahren nach dem Krieg berüchtigt für die menschen- und vor allem kinderunwürdigen Verhältnisse, steckt er die ersten Schläge ein. Die Prügel werden härter mit jedem Jahr, das der kleine Heinrich heranwächst. Es ist die Zeit, in der er den Glauben an Gott und an das Gute im Menschen verliert, denn die meisten Misshandler schlagen im Namen des Herrn zu.
Wer heute auf der Internetseite des Stephanstifts in Kleefeld bei Hannover zur Geschichte der Einrichtung des evangelischen Diakonischen Werkes liest, der findet keinen Hinweis auf das Leid, den Missbrauch und Misshandlungen, die Menschen wie Heinrich Gäfecke dort erfahren mussten. Darüber berichtet wird in einem Internet-Blog, den ein Opfer der sadistischen Erzieher und Diakone, Brüder, wie sie damals hießen, ins Netz gestellt hat. Dort wird angeprangert, was auch Heinrich Gäfecke kritisiert. Es wird bis heute geschwiegen und vertuscht, so habe ich es auch vom Runden Tisch Heimerziehung gehört.
Zwei Jahre lang, vom Februar 2009 bis zum Januar 2011 haben die Mitglieder des Runden Tisches Heimerziehung sich unter dem Vorsitz der ehemaligen Bundestags-Vizepräsidentin Antje Vollmer getroffen, um mit fast 50 Jahren Verspätung die Folgen der Schicksale wie dem des Heinrich Gäfecke aus Oldenburg zu diskutieren. Ein Ergebnis ist, dass es für die wenigen Überlebenden Geld gibt. Jene, die damals Täter waren, wurden allerdings nie zur Rechenschaft gezogen, sagt Heinrich Gäfecke bitter.
Ein paar tausend Euro pauschal und vielleicht noch eine kleine Zusatzrente das ist das kleine Bisschen Gerechtigkeit, das Gäfecke am Abend seines Lebens erfährt. In der kirchlichen Erziehungsanstalt Freistatt bei Sulingen haben wir im Moor Zwangsarbeit geleistet. Uns sind fast die Hände abgefroren, die Ärzte wollten mir einmal einen halb erfrorenen Fuß amputieren.
Ich dachte, ich sterbe
Heinrich Gäfecke hat das alles überstehen müssen, bis das Geld geflossen ist, das kaum helfen wird, seine schwer verletzte Seele zu heilen. Als der Abschlussbericht des Runden Tisches veröffentlicht wurde, habe ich gehofft, es ginge schnell mit der Entschädigung. Ich hatte Angst, dass ich das nicht mehr erleben würde. Ich habe in Berlin angerufen und gesagt: Beeilt euch, sonst bin ich tot damit müssen sie rechnen, war die Antwort. Heinrich, das Heimkind, hat es überlebt.
