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Kleingarten Von der Sehnsucht nach frischen Erbsen

OLDENBURG - Die Zeit, als es in vielen Schrebergärten Gartenzwerge, Plastikstühle und blühende Stiefmütterchen gab, ist vorbei. „Der Muff ist raus“, sagt Rainer Geerdes. Er muss es wissen – der Architekt hat seine Diplomarbeit über Kleingartenanlagen geschrieben. Jetzt ist er dabei, seine eigene kleine Oase herzurichten, in der Kleingartenanlage Stadtfeld in Oldenburg.

Seine Schirmmütze hat er tief ins Gesicht gezogen. Er stellt seinen Spaten zur Seite und zieht ein zerknittertes Päckchen Tabak aus der hinteren Hosentasche. Rainer Geerdes fängt an, sich mit erdverschmierten Fingern eine Zigarette zu drehen und schaut dabei zufrieden in die Sonne. Auf dem 400 Quadratmeter großen Stück Land, das der 38-Jährige zusammen mit seiner Frau Christin Kempf gepachtet hat, gibt es viel zu tun. „Das war ein Urwald, hier ist zehn Jahre lang nichts passiert, bis wir kamen“, erzählt er. Er stützt sich auf den Spatenstiehl und reicht seiner Frau die selbst gedrehte Zigarette.

Trend Selbstversorgung

Christin Kempf ist eine hübsche, große Frau, sie trägt eine Brille mit schwarzem Rand, die zugleich modern und zeitlos schick ist. Ihre lange graue Strickjacke hat einen Schalkragen – es fehlt nur noch der bedruckte Jutebeutel in der Hand, und Christin Kempf könnte, so wie sie jetzt in ihrem Kleingarten steht, auch durch das Berliner Viertel Prenzlauer Berg schlendern.

„Ich bin eigentlich eher ein Stadtmensch“, bestätigt die 39-Jährige. Sie steht trotzdem gerne mit Gummistiefeln im Schlamm. Nicht allein, weil sie die Natur mag, sondern weil sie einen Plan hat. Ihr dreijähriger Sohn Theodor soll wissen, wo sein Essen herkommt. „Ich will meinem Sohn frische Erbsen bieten können. Ganz frische Erbsen bekommt man im Handel wirklich selten“, sagt Christin Kempf und lächelt charmant. Theodor sitzt derweil in einem Sandhaufen und befüllt ein Eimerchen.

Ja, sie will selbst Gemüse anbauen, wenn im „Urwald“ erst alle Beete angelegt sind. Auch Christin Kempf ist Architektin – das Paar hat ein eigenes Architekturbüro. Sie sind jung, 40 ist das neue 30. Sie sind Akademiker und haben einen Sohn mit einem nicht alltäglichen Namen. Und sie haben einen eigenen Kleingarten. Ohne Gartenzwerge, ohne Plastikstühle, ohne Stiefmütterchen, aber mit einer Mission: sich zumindest teilweise selbst zu versorgen und der Natur dadurch ein Stück näher zu kommen.

„Ich möchte das Wort gar nicht benutzen, aber Selbstversorgung liegt derzeit im Trend“, sagt Rainer Geerdes. Er möchte es nicht aussprechen, weil er nicht der Typ ist, der Trends folgt, nur weil sie Trends sind. Das Paar begreift sich gewissermaßen als alternativ – was für sich genommen auch im Trend liegt. „Aber wir sind keine Ökos“, stellt Christin Kempf klar. Theodor pflückt einen Zweig und entschließt sich dann, seinem Vater beim Umgraben zu helfen. Er hat eine eigene kleine Schaufel.

Bürgerliche Rebellen

Heute muss sich niemand mehr entscheiden, ob er ein bürgerliches Leben führen will oder ein rebellisches. Junge Leute sind nicht selten beides. Christin Kempf und Rainer Geerdes wollen ein kleines bisschen aus der Gesellschaft aussteigen, Pfade gehen, die noch nicht breitgetreten sind. Sie schlagen sich selbst einen Weg durch ihren kleinen Urwald in der Kleingartenanlage Stadtfeld.

Aber die Regeln, die es in einer Kleingartenanlage gibt, gelten auch für ihre Parzelle. Es gibt eine Mittagsruhe, die strikt einzuhalten ist. Kommentar des Familienvaters: „Ich finde es toll, dass es sowas überhaupt noch gibt, Mittagsruhe ist eine gute Sache.“ Eine Gartenlaube darf nur eine bestimmte Größe haben, alle Pflanzen müssen einen vorgeschriebenen Abstand zur Hecke haben, die die Parzellen voneinander trennt, und diese Hecke darf auch nur eine bestimmte Höhe haben. Kleingärtner sind keine Hippies.

Rainer Geerdes und Christin Kempf hinterfragen vieles, aber sie lehnen sich nicht unbedingt dagegen auf. „Wir sind Architekten, wir kennen das Baugesetz, das ist viel strenger als die Regeln hier“, sagt Geerdes. Theodor sitzt in der Schubkarre in einem Haufen Erde und lässt sich die Sonne ins Gesicht scheinen.

Die junge Akademiker-Familie ist offen für andere Lebenswelten und integriert sich in das Vereinsleben. Wie mit anderen Parzellenpächtern sind sie auch mit dem ersten Vorsitzenden des Vereins, Jürgen Schenk, per Du.

Schenk hat zusammen mit seiner Frau einen idyllischen Kleingarten in der Anlage Stadtfeld. Er sitzt am runden Gartentisch, auf der bunten Tischdecke stehen Getränke. Es gibt einen kleinen Teich und einen schmalen gepflasterten Weg, eine gepflegte Rasenfläche und Beete. Aber nicht zu viele Beete. „Es soll nicht in Stress ausarten, ich will nicht der Sklave meines Gartens sein.“ Jürgen Schenk steht in seinem Garten und hängt bunte Ostereier an einen Strauch. Er hat es sich zusammen mit seiner Frau in dem Gärtchen gemütlich gemacht. Aber der Muff ist raus aus der Kleingarten-Welt, auch bei Jürgen Schenk.

Satzung auf Arabisch

„Früher war vorgeschrieben, welche Flächenanteile Rasen und Nutzgarten in einer Parzelle haben müssen. Heute liegt der Schwerpunkt im Kleingarten dagegen eher auf dem Freizeitwert“, sagt Schenk. „Es sind immer mehr junge Familien, die einen Kleingarten pachten. Das ist auch einfach schön für kleine Kinder. Die können hier viel freier spielen als in einem Wohngebiet.“ Das jährliche Vereinsfest fange deswegen immer mit einem Kinderfest am Nachmittag an. Und auf der Homepage des Kleingartenvereins steht, Kinderlachen sei eindeutig erwünscht. „Es findet ein Generationenwechsel statt in den Schrebergärten“, meint Schenk.

Man sieht ihm an, dass er stolz ist, berichten zu können, dass in der Kleingartenanlage „ganz verschiedene Kulturen“ ihre Gärten bewirtschaften. Die Satzung hat er ins Arabische übersetzen lassen.

In der Kleingartenanlage sei bunte Vielfalt willkommen. Abwechslung will Schenk auch in seinem kleinen Garten – hier hisst er immer die Flagge des Landes, in dem er seinen letzten Urlaub verbracht hat. Das letzte Mal war er in Schweden.

Querschnitt

Rainer Geerdes sagt: „Der Verein gleicht immer mehr einem Querschnitt der Gesellschaft.“ Dass der Schwerpunkt mittlerweile mehr auf dem Freizeitwert der Kleingartenanlage liege, relativiert er aber: „Natürlich gibt es junge Familien, die einen Schrebergarten haben, um sich da vor allem zu entspannen. Sie haben dann eine große Rasenfläche und einen Pool. Aber das ist nicht bei allen so. Wenn ich im Garten bin, will ich hier auch was tun.“

Wenn sein Garten fertig ist, soll es Themenstreifen mit verschiedenen Pflanzen geben. „Kleine Architekturen können sehr feine Architekturen sein“, sagt Geerdes, während der kleine Theodor mit dem Gartenschlauch frisch umgegrabene Erde in Schlamm verwandelt.

Sandra Binkenstein
Sandra Binkenstein Thementeam Soziales
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