OLDENBURG - Politik paradox: Niedersachsens Linke leidet unter dem Erfolg bei der letzten Landtagswahl, der die Partei aus dem Stand auf 7,1 Prozent katapultierte. „Unsere Ergebnisse sind besser als der Zustand der Partei“, kritisieren am Sonnabend fast gleich lautend Delegierte auf dem Landesparteitag in Oldenburg. Andere warnen: „Lasst uns von den Erfolgen nicht besoffen machen, sie sind das Ergebnis von Protest“. Nicht nur Fraktionschef Manfred Sohn empfindet den Erwartungsdruck für die Landtagsneulinge „ein bisschen zu groß“. Zudem präsentiert sich die heterogene Basis zersplittert und in zentralen Fragen tief gespalten.

Nur mühsam kann sich die Führung mit 100 zu 93 Stimmen und mit dem Antrag durchsetzen, dass DKP-Mitglieder bei künftigen Wahlen nicht mehr auf der Landesliste auftauchen sollen. Alle Bewerber müssen Mitglied der Linken sein.

Parteichef und -stratege Diether Dehm wirbt dafür, mindestens auf Kreisebene mit einem möglichst breiten linken Bündnis auch die Tür zur DKP offen zu halten. „Wir dürfen unseren Kreisverbänden den Umgang mit den Listen nicht von oben verordnen“, betont Dehm.

Mehr noch als mit dem richtigen Umgang mit der DKP ringt die neue Formation mit ihrem Selbstverständnis. „Woher wir kommen, wohin wir gehen“, lautet die Überschrift zum Leitantrag. Ein Fragezeichen gibt es nicht dahinter – das setzt der Parteitag. Einstimmigkeit herrscht fast nur darüber, dass es keine Leitideen gibt. Die Kritik an der „Polit-Lyrik“, so ein Delegierter, kommt aus allen Richtungen. Für die vielen Ex-Grünen, ehemaligen Sozialdemokraten, versprengten Linken, Friedens- und Religionsbewegten, Radikalfeministinnen oder Gewerkschafter aus den unterschiedlichsten Lagern passt kein Dach. Bemühen Debattenredner sich um eine Einordnung „in die Geschichte der Arbeiterbewegung“, hält ein Delegierter die Bibel als wegweisendes Fundament entgegen.

Noch diffuser wird’s beim Thema praktische Politik. „Was können wir wirklich wuppen“, fragt eine Diskussionsteilnehmerin. Das Fragezeichen ergänzt ein anderer: „Wie kommen wir da hin, wohin wir wollen?“

Die inhaltliche Ausrichtung vertagt der Parteitag. Bis zum Herbst soll an der Basis weiter diskutiert werden. Dann steht die nächste Abstimmung auf dem folgenden Parteitag an über den Leitantrag, den viele mit „Leidantrag“ übersetzen.

Auch die Landtagsfraktion will sich sortieren. „Wir werden zugeschüttet mit Wünschen und Erwartungen“, klagt Fraktionschef Sohn. Die Faxe quellen über, die Computer steigen wegen überfüllter Mail-Konten aus. Abgeordnete kommen mit dem Wust an Anfragen nicht zurecht.

Doch Sohn warnt: Umsetzen werde die Fraktion davon nur wenig können. Enttäuschung sei bei Sympathisanten programmiert.