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Flüchtlinge Sorge um Familie im Kampfgebiet

Marius Meyer

OLDENBURGER LAND - Ahmed Suleyman starrt auf den Bildschirm seines Fernsehers in seiner Wohnung in Ganderkesee. Der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira zeigt Videos von Kämpfen in Syrien, Leichen sind zu sehen. Auch die von Kindern. Suleyman wirkt sehr betroffen.

Wenige Minuten zuvor hatte der 33-Jährige noch erzählt, dass die Bilder von getöteten Kindern das Schlimmste seien, was er vom Aufstand in seinem Heimatland im Fernsehen sieht. Und tatsächlich verrät sein Gesicht jetzt, dass ihm zum Heulen zumute ist. Seine Stimme ist brüchig, als er den nüchternen Nachrichtentext übersetzt, den der TV-Sender zu den Bildern liefert. Sie zeigen die Opfer von Angriffen der syrischen Armee auf Baba Amr.

Dieses Viertel der syrischen Großstadt Homs gilt in diesem Moment als „befreit“. Die Rebellen und die Soldaten der „Freien syrischen Armee“ haben dort das Sagen. Noch. Wenige Tage später wird die syrische Armee das Viertel erobern.

Vor Verfolgung geflohen

Ahmed Suleyman ist 2002 nach Deutschland gekommen. Er ist vor der Verfolgung der Kurden durch das Assad-Regime geflohen. Seine Heimatstadt Qamischli liegt im Norden Syriens, direkt an der Grenze zur Türkei. Er kam als Staatenloser in Europa an, weil das Regime vielen Kurden des Landes die syrische Staatsbürgerschaft verweigert. Er erzählt, dass er seit dem Beginn des Aufstandes immer fernsieht, wenn er zu Hause ist. Seit 15 Monaten. Er macht sich Sorgen um seine Familie.

„Meine Heimatstadt ist abgeriegelt“, berichtet der schmächtige Mann. Es gebe keinen Strom mehr und kein fließend Wasser. Lebensmittel werden durch die PYD verteilt, eine Partei, die der PKK nahe steht. „Die verteilen die Lebensmittel aber nicht nur an Kurden“, betont Suleyman. Die Einheit zwischen den Volksgruppen hervorzuheben, ist ihm wichtig. Er tut dies oft während des Gesprächs.

Christen haben Angst

An diese Einheit glauben Diana und Murad al-Arabi nicht mehr. Sie haben Angst. Diese ist so groß, dass sie ihre echten Namen nicht in der Zeitung lesen wollen. Sie leben seit rund 15 Jahren in einem Flüchtlingswohnheim irgendwo im Oldenburger Land. In Syrien war Murad bei den Kommunisten aktiv, verteilte Flugblätter und organisierte Versammlungen. Eine gefährliche Tätigkeit im Syrien der Assads – unter Bashar, aber mehr noch unter seinem Vater Hafiz. Vor dessen Rache flüchtete Murad al-Arabi mit seiner Frau. Und doch haben sie offenbar heute mehr Angst vor den Islamisten. Die, sind sich die beiden sicher, werden im Falle eines Sturzes des Präsidenten die Macht übernehmen.

Die Al-Arabis sind Christen, wie etwa jeder sechste Syrer. Die Christen des Landes blicken auf eine stolze Vergangenheit zurück. Der Apostel Paulus soll vor den Damaszener Stadttoren den auferstandenen Jesus getroffen habe, in der Altstadt selbst findet man noch heute die Kapelle, in der er sich angeblich taufen lief, in Damaskus formte er die christliche Religion.

Das Christentum ist in Syrien beheimatet, seit es existiert. Doch jetzt fürchten die syrischen Christen, dass ihre Glaubensgemeinschaft aus dem Land vertrieben, ausgelöscht wird.

„Nach Assad sieht es für die Christen schwarz aus“, sagt Diana Al-Arabi bestimmt. Zusammen mir ihrem Mann beschwört sie das irakische Beispiel: „Früher gab es anderthalb Millionen Christen im Irak. Jetzt sind es keine 20 000 mehr“, sagt Murad. Warum das so sei, fragt seine Frau. Es ist eine rhetorische Frage. „Weil Saddam weg ist“, lautet die Antwort. In dieser Situation wird auch das Regime, vor dem sie einst flohen, wegen dem ihr kleines Kind jetzt in einem schäbigen Flüchtlingsheim aufwächst, zur letzten Hoffnung.

Islamisten mischen mit

Für die Al-Arabis sind alle, die in Syrien auf die Straße gehen oder gegen das System kämpfen, islamistische Terroristen. Sie glauben nicht, dass es den Aufständischen um Demokratie geht. Und sie sind sich sicher, dass „die Terroristen“ aus dem Ausland kommen. „Die sind aus Saudi-Arabien, aus Qatar“, sagen sie mehrfach. „Das sind Wahhabiten,“ – Anhänger der reaktionären, engstirnigen Variante des Islams, die im Königreich der Saudis Staatsreligion ist – „für die alle anderen ungläubig sind. Seien es Christen, Aleviten oder auch syrische, sunnitische Muslime.“

Auch wenn die Behauptung, alle Aufständischen seien ausländische Islamisten, stark übertrieben sein dürfte, so scheinen sich tatsächlich immer mehr Islamisten in den Konflikt einzumischen.

Diplomatische Lösung?

Und paradoxerweise könnte das Bashar al-Assad helfen, an der Macht zu bleiben. Denn seit sich immer mehr dieser Extremisten am Aufstand beteiligen, gehen die säkularen Kräfte, die ihn bisher dominiert hatten, auf Distanz zur Revolte. Der Preis eines Religionskrieges ist ihnen zu hoch.

Ahmed Suleyman dagegen will nicht, dass Bashar al-Assad bleibt. Zulange wurde seine Volksgruppe von dessen Clan unterdrückt, der das ganze Land fast uneingeschränkt beherrscht. Suleyman sieht die Berichte über die Toten in dem Land und hofft dennoch, dass es eine diplomatische Lösung geben könnte. „Vielleicht geht Bashar ins Exil“, sagt er. Es ist eine kleine Hoffnung, und man sieht Suleyman an, dass er nicht wirklich daran glaubt. Überzeugt ist er aber, dass ein Syrien nach Assad ein besseres Syrien ist: „Dann wird Syrien eine Demokratie.“

Auch Hani Almaami, der vor elf Jahren als 16-Jähriger das Land verließ, glaubt, dass Syrien irgendwann demokratisch sein wird. Und er meint sogar, dass der Demokratisierungsprozess unter dem Präsidenten Assad stattfinden könnte. „Assad loswerden, dass wollen nur die USA und Israel“, meint der Jeside bei einem Spaziergang durch Oldenburg, wo er lebt.

Syrien ist ein Transitland

Den beiden Ländern gehe es darum, analysiert er, den Iran und die Hisbollah zu schwächen. Die Assads gehören dem Glauben der Aleviten an – auch wenn der Präsident, wie es die syrische Verfassung verlangt, offiziell zum sunnitischen Islam übergetreten ist. Die Aleviten werden oft dem schiitischen Islam zugerechnet. Syrien, das mehrheitlich sunnitisch ist, ist wegen des Clans der Assads ein Bindeglied im „schiitischen Halbmond“.

Der zieht vom Iran über den Irak in den Libanon. Syrien ist ein Transitland, durch das Unterstützung in Form von Waffen, Geld und Ideologie vom iranischen Gottesstaat an die Hisbollah fließt. Die Iraner haben so einen Außenposten direkt an Israels Grenze. Almaami ist sich sicher, dass die Regierungen in Washington und Jerusalem diese Verbindung kappen wollen. Auch wegen des ungelösten Konflikts um das iranische Atomprogramm.

Rolle des Westens

Almaami ist deswegen dagegen, dass sich der Westen militärisch in den Konflikt einmischt – wie auch Ahmed Suleyman und die al-Arabis. „Wenn die Nato Syrien angreift, wird dessen Armee stark antworten“, ist Murad al-Arabi überzeugt.

Und Ahmed Suleyman meint: „Wenn die Nato kommt, gibt es eine halbe Million Tote.“

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