Betrifft:
Berichterstattung über Schneekatastrophe im Winter 1978/1979Als Wowossi im Westen geboren, im Osten aufgewachsen, in den Westen geflüchtet, in den Osten zurückgekehrt kann ich nur mit einer Begebenheit, die sich in West-Deutschland zugetragen hat, aufwarten. Aber das Schneechaos kannte keine Grenzen.Ich hatte in Varel am Jadebusen eine Großtierpraxis und eine Klinik für kleine Haustiere. In besagten Schneesturmtagen waren wir ans Haus gefesselt. Wohl schaufelten wir die Auffahrt zur Garage frei, aber an ein Fahren auf den Straßen war nicht zu denken.
Da! Ein Alarmruf eines Bauern. Etwa zehn Kilometer entfernt, aus einem Dorf hinter dem Deich: Kuh, festliegend. Milchfieber. Sprich Calcium-Mangel nach einer Kälbergeburt. Doch wie hinkommen. Mein rettender Einfall: Bundeswehr anrufen, Notlage beschreiben. Die hatten Kettenfahrzeuge.
Zehn Minuten später fuhr tatsächlich ein Schützenpanzer vor. Ich packte alle Medikamente und nötigen Spritzen-Instrumente in eine Tasche und ab ging es nach Petersgroden, dem Dorf hinter dem Deich. Das Tier stand nach Behandlung wieder auf, der Bauer und ich waren zufrieden.
Das Gleiche am nächsten Tag. Nur geriet da der Panzer in eine Schneewehe und musste von der Mannschaft freigeschaufelt werden. 500 Meter vor dem Dorfeingang Steinhausen. Ich ging die Strecke zu Fuß. Das Resultat wie gehabt: Kuh steht, Bauer zufrieden, Tierarzt auch.
Ich hatte in diesen Tagen noch mehrmals die Gelegenheit, die Bundeswehr um Hilfe zu bitten. Meine Erfahrung mit meinen Milchfieber-Panzerfahrten sprach sich schnell herum. Festgefahrene Reparatur-Lastwagen, die defekte Ölleitungen auf den Höfen reparieren wollten, mussten per Panzer wieder flottgemacht werden. Ich habe sie erfolgreich vermittelt.
Es war eine irre Zeit, der Winter 1978/1979.
Hansjürgen SiggelSchwerin
