PEKING - Es fehlt jemand in der Reisegruppe, mit der Außenminister Guido Westerwelle seit Donnerstag in Peking unterwegs ist: der Schriftsteller Tilman Spengler, einer der besten deutschen China-Kenner. Der 64-Jährige – obwohl offizielles Mitglied der Delegation – bekam von Chinas Behörden kein Visum. Begründung: Er sei „kein Freund des chinesischen Volkes“.

Für das Auswärtige Amt kam das Einreiseverbot überraschend. Spengler war früher schon bei offiziellen Besuchen dabei, ohne dass es jemals Schwierigkeiten gab. Die Abstrafung hängt wohl damit zusammen, dass er bei einer Preisverleihung im vergangenen Herbst in Darmstadt eine Lobrede auf Chinas prominentesten Bürgerrechtler Liu Xiaobo hielt.

Wenige Wochen später bekam der Dissident dann auch noch den Friedensnobelpreis, was der chinesische Staatsapparat bis heute als Affront des Westens empfindet. Die Bundesregierung ließ sich damals trotz Warnungen aus Peking nicht davon abhalten, an der Preisverleihung teilzunehmen. Spenglers Ausladung könnte eine Art Retourkutsche dafür sein. Alle Versuche, die Chinesen umzustimmen, blieben ohne Erfolg.

Westerwelle entschied sich trotzdem, die Reise anzutreten. Eine Absage hätte einen großen Eklat ausgelöst. „Das Wichtige ist, dass nicht mit Sprachlosigkeit reagiert wird, sondern dass man im Gespräch bleibt.“ Westerwelle eröffnet an diesem Freitag eine große Kunstausstellung mit mehr als 600 Werken aus Dresden, München und Berlin im Nationalmuseum. Titel: „Kunst der Aufklärung“.

Vom FDP-Chef werden bei dieser Gelegenheit auch einige Worte dazu erwartet, wie es mit zentralen Werten der Aufklärung – Freiheit, Emanzipation, kritische Öffentlichkeit – im China von heute steht. Es gilt, den richtigen Ton zu finden zwischen Kritik an den Zuständen und dem Interesse, das Deutschland an einem guten Verhältnis zu der immer stärker werdenden asiatischen Großmacht mit ihren 1,3 Milliarden Einwohnern haben muss. Man kann das auch die „Kunst der Diplomatie“ nennen.

Westerwelle hatte schon bei seinem ersten China-Besuch als Außenminister vor einem Jahr die Menschenrechte nicht ausgespart. Seither haben sich die Dinge keinesfalls zum Besseren gewendet. Liu Xiaobo sitzt trotz Nobelpreis bis heute in Haft, seine Frau Liu Xia steht unter Hausarrest. Viele weniger prominente Bürgerrechtler teilen ihr Schicksal.