PEKING - Der Skandal an der Spitze der Kommunistischen Partei Chinas schlägt große Wellen. Mit den bislang schärfsten Einschränkungen für Diskussionen im Internet versucht die Zensur seit dem Wochenende, wilde Putschgerüchte und Spekulationen über Risse in der Führung einzudämmen.
Hausarrest für „Prinzling“
Die Ermittlungen in dem schier unglaublichen Politkrimi um den vor zwei Wochen gestürzten Spitzenpolitiker Bo Xilai wurden noch ausgeweitet. Der mysteriöse Tod eines britischen Unternehmensberaters mit engen Beziehungen zu Bos Familie löste neue Verdächtigungen aus. Neil Heywood soll um seine Sicherheit gefürchtet haben, nachdem er sich mit Bo Xilais Frau überworfen habe, berichtete das „Wall Street Journal“. Der 41-Jährige wurde Mitte November tot in seinem Hotelzimmer in Chongqing gefunden. Die Polizei attestierte „übermäßigen Alkoholkonsum“ und äscherte ihn ohne Autopsie ein. Das britische Außenministerium bat um eine nähere Untersuchung.
Der als Parteichef von Chongqing abgesetzte Spitzenpolitiker Bo Xilai sowie seine Frau Gu Kailai sollen derweil in Peking unter Hausarrest stehen. Der „Prinzling“ ist Sohn des Revolutionsveteranen Bo Yibo, der einst zu den „acht Unsterblichen“ der kommunistischen Machtelite gehörte.
Die Absetzung des charismatischen Polit-Stars, der in dem Generationswechsel im Herbst eigentlich in das höchste Machtgremium – den Ständigen Ausschuss des Politbüros – aufrücken sollte, löste schwere Spannungen in der Führung aus.
Mindestens ein Mitglied im Ständigen Ausschuss, der mächtige und für den Sicherheitsapparat zuständige Zhou Yongkang, soll dagegen gestimmt haben. Beobachter glauben, dass dieser seltene Dissens und Bo Xilais gute Kontakte zum Militär die Putschgerüchte ausgelöst haben könnten. „Es ist eine bizarre Vorstellung, die sich mit besten Hollywood-Produktionen messen lassen kann“, kommentierte ein Mitglied einer einflussreichen chinesischen Familie die neuen Enthüllungen.
Polizeichef auf der Flucht
Auslöser des Thrillers war der ehemalige Polizeichef von Chongqing, Wang Lijun. Der als „Super-Bulle“ bekannte Weggefährte des Parteichefs von Chongqing flüchtete am 6. Februar ins 300 Kilometer entfernte amerikanische Konsulat in Chengdu, weil er um sein Leben fürchtete.
Der frühere Polizeichef habe angegeben, Bo Xilai von dem Verdacht berichtet zu haben, dass der Brite vergiftet worden sein könnte, berichtete das „Wall Street Journal“. Auch nach anderen, ebenfalls unbestätigten Berichten soll der Verdacht einer möglichen Verwicklung seiner Frau in den Tod Heywoods zu dem Zerwürfnis zwischen beiden geführt haben.
Kein Asyl in USA
Der Polizeichef habe Material vorgelegt, um eine sichere Ausreise in die USA auszuhandeln. Die USA gaben ihm aber kein Asyl. Nach einem Tag begab er sich in die Hände der Parteizentrale.
Der Mangel an Informationen nährt die Spekulationen. Auch die dubiose Rolle des Briten wirft Fragen auf. Heywood lernte die Familie in den 1990er Jahren kennen, als Bo Xilai noch Bürgermeister der Hafenstadt Dalian war. Über Beziehungen verhalf Heywood dem Sohn Bo Guagua 2001 in die britische Eliteschule Harrow, wo andere Kinder sonst bei ihrer Geburt schon angemeldet werden müssen. Der Unternehmensberater selbst war mit einer Chinesin verheiratet, hat zwei kleine Kinder und lebte zuletzt in Peking.
