Die Rettungsdienste sind am Anschlag. Wie reagiert Niedersachsens DRK-Vorstandschef Ralf Selbach auf die Situation?

Herr Selbach, „Rettungsdienst am Limit“ lautete plakativ das Thema der DRK-Dreikönigstagung. Wie ernst ist die Lage?

SelbachDie Vielzahl an Fällen bringt den Rettungsdienst ans Limit. Dafür gibt es Gründe. Wer außerhalb der Arzt-Sprechzeiten den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst unter der Rufnummer 116.117 anruft, wird oft mit seinem Problem alleingelassen. Die Patienten rufen dann die 112 an, und der Disponent auf der Rettungsdienst-Leitstelle schickt einen Rettungswagen. Dabei soll der Rettungsdienst nur bei akuten Notfällen kommen. Das alles wiederum führt zur Überlastung der Notaufnahmen in den Kliniken.

Seit 2010 DRK-Landesgeschäftsführer

Ralf Selbach (61) ist seit Juli 2010 Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender des DRK-Landesverbandes Niedersachsen. Zuvor war er Geschäftsführer der bundesweit tätigen ZNS – Hannelore Kohl Stiftung. Selbach hat Philisophie, Theologie, Betriebswirtschaft und Jura studiert. Promoviert hat er über den Philosophen Immanuel Kant (1724-1804). Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) hat in Niedersachsen 27.000 Beschäftigte; rund 4200 sind hauptamtlich im Rettungsdienst im Einsatz.

Was passiert, wenn Notaufnahmen schließen müssen?

SelbachDann wird es richtig ernst. Die Situation erleben wir gerade in Holzminden, wo das Krankenhaus seit November seine Leistungen eingestellt hat. Plötzlich muss der Rettungsdienst 20 Kilometer weiter auf die andere Seite der Weser fahren. Die Rettungsmittel sind in dieser Zeit nicht verfügbar.

Welche Lösungen gibt es?

SelbachDie Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) muss endlich ihrem Sicherstellungsauftrag gerecht werden. Hier führt das Land bereits Gespräche. Ein weiteres Element ist die qualitative Ausstattung der Leitstellen. Wir fordern sogenannte Gesundheits-Leitstellen, in denen die 112 und die 116117 zusammenlaufen. Der Disponent könnte den Patienten so an die richtige Versorgungsschiene übergeben, ohne dass alle Daten neu aufgenommen werden müssen. Damit ließen sich etliche Fahrten für den Rettungsdienst vermeiden.

Wer entscheidet über die Zusammenlegung von 112 und 116117?

SelbachDie KVN steht unter der Aufsicht des Landes. Sollten die Gespräche ins Leere laufen, müsste auf der Bundesebene noch einmal über den Sicherstellungsauftrag gesprochen werden. Denn handelt sich um eine Pflichtaufgabe.

Welche Möglichkeiten bietet die Digitalisierung?

SelbachAlle Beteiligten sind sich einig, dass der Tele-Notarzt noch dieses Jahr ins Rettungsdienstgesetz gehört. Es wäre eine Entlastung, aber auch ein Qualitätsgewinn, wenn der Arzt nicht sofort rausfahren muss, sondern über ein Tablet-PC oder ähnliches zum Patienten geschaltet wird. Das Pilotprojekt im Landkreis Goslar ist ein riesiger Erfolg und muss landesweit ausgerollt werden. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Landtag das Gesetz entsprechend ändern wird. Übrigens: Auch in Zusammenhang mit der Einführung der digitalen Patientenakte ist der Tele-Notarzt eine perfekte Lösung.

Gibt es denn überhaupt noch Interesse an der Ausbildung zum Notfallsanitäter?

SelbachJa, das DRK betreibt in Goslar und Hannover die größte Rettungsschule in Niedersachsen. Wir haben alle Kurse besetzt und sogar in Hannover ein neues Lehrgebäude gebaut. Wir hätten hier auf Sicht keinen Fachkräftemangel, wenn es gelingt, das Einsatzaufkommen wieder nach unten zu drücken. Denn auch die medizinisch hoch qualifizierten Fachkräfte wollen durch Fehlfahrten nicht frustriert werden.

Stefan Idel
Stefan Idel Landespolitischer Korrespondent