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SERIE Vorsichtige Akteurin im Haifischbecken

OLAF REICHERT

Redaktion Berlin

Ein politisches Amt schafft Distanz“, lautet eine Erkenntnis von Thea Dückert. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag hat das erfahren: „In dem Moment, an dem man ein Mandat erhält, wird man anders angeschaut. Dann heißt es, ,Jetzt gehörst Du zu den Politikern‘. Und das stimmt ja auch irgendwie.“

Und so nähert sich Thea Dückert, die grüne Volkswirtin, die in Berlin geboren wurde, in Hannover aufwuchs und Oldenburg als Heimat benennt, Fremden auch: freundlich distanziert, abwartend, analysierend, nüchtern. Es dauert lange, bis man ihr ein Lächeln entlocken kann auf dieser Berliner Schaubühne, wo doch so schnell, so viel und so oberflächlich gelacht wird. „Haifischlächeln“ sagt man auch dazu. „Man wird vorsichtiger, wenn es darum geht, persönliche Beziehungen einzugehen.“

Seit 2000 zeichnet sie bei den Grünen im Bundestag verantwortlich für die Bereiche Arbeit/Wirtschaft/Soziales/Finanzen. Beim Aushandeln der rot-grünen Reformpakete war Dückert stets ganz vorne mit dabei. „Das war keine schöne Zeit. Es gab viel Gegenwind“, erinnert sie sich. Schon damals sei ihr klar gewesen, der Reformprozess werde lange dauern.

„Politik braucht einen langen Atem“, lautet daher Dückerts Credo. Da bleibt kein Platz für kurzfristige Effekthascherei. Dass andere Bundespolitiker Imageberater beschäftigen, um in der Öffentlichkeit besser zu wirken, will sie nicht bewerten. „Ich denke nicht über meine Vermarktung nach“, sagt sie und ergänzt nach kurzer Bedenkzeit: „Das mag eine Schwäche sein, weil man sich heutzutage viele Gedanken machen muss, wie Sachverhalte vermittelt werden können.“ Aber ihren eigenen Politikstil ändern? Nein. „Ich arbeite stark konzeptionell“, da sei Zurückhaltung oftmals besser.

Und so arbeitet Thea Dückert auch nach dem Regierungswechsel weiter. Obwohl sie den wohl wichtigsten Fachbereich in der Grünen-Fraktion abdeckt, steht sie in der öffentlichen Wahrnehmung im Schatten der Kolleginnen und Kollegen. Sie wirkt im Hintergrund und überlässt den Glanz – man ahnt es schon – den Alpha-Tieren. Thea Dückert will „durch Kompetenz überzeugen“, sich „nicht mit fremden Federn schmücken“, wie sie sagt.

Wie hoch ist der Anteil der Schaumschläger im Bundestag? „Sehr gering“, antwortet die 55-Jährige sofort. In der Ausschussarbeit merke man gleich, wer im Thema drinsteckt. Und die übergroße Mehrzahl der Abgeordneten ist „in ihren Fachdisziplinen sehr kenntnisreich. Das gilt für alle Fraktionen“. Die Parlamentarier in Leitungspositionen hingegen müssten Generalisten sein. „Für die Gesamtpolitik braucht man ein strategisches Gefühl“, erklärt Dückert. Dass sie dieses Gefühl hat, will sie nicht betonen. Bloß nicht sich selbst anpreisen.

Dabei kann Thea Dückert auf eine beeindruckende politische Karriere zurückblicken. 1986, nur ein Jahr nach ihrem Beitritt zu den Grünen, war sie Spitzenkandidatin bei der Landtagswahl in Niedersachsen. Als Gerhard Schröder 1990 mit Rot/Grün in Hannover Ministerpräsident wurde, leitete Dückert die Grünen-Fraktion. 1994 bis 1995 war sie Landeschefin der Partei. 1996 kandidierte sie für das Amt der Oberbürgermeisterin von Oldenburg und holte beachtliche 21,9 Prozent. 1998 zog sie in den Bundestag ein, wurde 2000 stellvertretende Fraktionschefin.

Die Karriere kennt aber auch Brüche. 1985 war so ein Jahr, als die promovierte Volkswirtin arbeitslos war. Oder auch 1994, als sie bewusst auf eine erneute Kandidatur für den Landtag verzichtete, um etwas Neues auszuprobieren. „Solche Phasen sind wichtig, um nicht die Bodenhaftung zu verlieren. Dadurch behält man das Gefühl für die Mühseligkeiten des Alltags“, sagt sie nachdenklich. 2005 brachte mit dem Regierungswechsel einen neuen Bruch. Thea Dückert sieht dies mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Jetzt habe ich mehr Zeit für meinen Wahlkreis.“ Doch der Verlust an Einfluss schmerzt.

Thea Dückert

, Jahrgang 1950, ist in Berlin zur Welt gekommen. Sie ist das jüngste von vier Kindern einer „Urberliner Familie“, wie sie sagt. Schon bald nach ihrer Geburt zog die Familie nach Hannover. Nach dem Schulabschluss studierte sie Volkswirtschaft in Bonn und Regensburg. Ihre Doktorarbeit hat Beschäftigungspolitik zum Thema. Mitte der 80er Jahre zog sie aus persönlichen Gründen nach Oldenburg. Dort war sie unter anderem als wissenschaftliche Assistentin an der Universität beschäftigt. Von 1994 bis 1998 leitete sie die Kooperationsstelle Hochschule – Gewerkschaften. Sie hat einen 23-jährigen Sohn.
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