Aus der Ferne sieht das Pekinger Olympiastadion wie ein Vogelnest oder auch ein Wollknäuel aus. Der Künstler Ai Weiwei war Berater beim Baum der gewaltigen Stahl-Skulptur, die, so sagte er mal, „große Vorstellungskraft zeigt und zu einem Stück wird, das der Freiheit gleicht“. Die beim Anblick des Stadions wirkenden Vorstellungskräfte sind indes so groß, dass sich manch ein Betrachter eher an ein Gefängnis erinnert fühlt. Ai Weiwei jedenfalls wurde in diesen Tagen die Freiheit genommen.

Kein Chinese durfte das Land lange Zeit ungestraft so hart kritisieren wie dieser Mann. Mitunter schien es fast, als gewährten ihm Pekings Machthaber eine Art Narrenfreiheit. Ai Weiwei war einerseits Kritiker, andererseits liberales Feigenblatt für die um ihr Renommee besorgte Staatsführung. Nach Olympia 2008 jedoch wurde Ais Position immer heikler, sie drangsalierten und schlugen ihn.

China ist kein Land, in dem die Bürger oppositionelle und liberale Ideen zuhauf begrüßen würden. Im Gegenteil: Stabilität des Systems ist oberste Staatsdoktrin – und der überwiegende Teil der Bevölkerung heißt das gut. Das uns undemokratisch anmutende Regime genießt nach einem phänomenalen ökonomischen Boom über drei Jahrzehnte großen Rückhalt. Um so grotesker erscheint ja das paranoide Verhalten des Staats- und Polizeiapparates, wenn ein paar Mutige wie zuletzt Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo oder jetzt Ai Weiwei aus der konformen Masse tanzen.

Der angeblich drohende Zerfall des Riesenreiches ist (besonders angesichts der Revolten in arabischen Staaten) ständiges Schreckgespenst einer kommunistisch-kapitalistischen Partei und einer auch konfuzianisch geprägten Gesellschaft. Staatspräsident Hu Jintao proklamiert das Ziel, „Harmonie“ herzustellen. Diese Harmonie aber verlangt von allen: akzeptieren, was von oben verordnet wird.

Die Wirtschaft wächst weiter in irrwitzigem Tempo. Doch es gibt einheimische Mahner, denen mulmig ist. Was, wenn die wilde Party bald abrupt endet? Entweicht dann der Geist aus der Flasche? Wäre es am Ende um die Einheit dauerhaft geschehen? Davor hat die Partei Angst, deshalb fürchtet sie Menschen wie Liu und Ai, die schon froh wären, wenn sie nur ihre Meinung äußern dürften.