Braunschweig - Lange hält’s Stephan Weil nicht aus – und das Sakko fliegt auf die Stuhllehne. Das feine Stück passt nicht zur kämpferischen Rede, die sich Niedersachsens SPD-Chef für den Landesparteitag am Sonnabend in Braunschweig vorgenommen hat. Eindringlich beschwört Weil die Delegierten, politische Geschlossenheit zu zeigen als Regierungspartei. „Politische Erfolge fallen nicht vom Himmel“, ruft Weil der SPD-Basis zu und erinnert an „zehn bittere Jahre in der Opposition“. Die rot-grüne Regierungskoalition habe erfolgreich alle Bewährungsproben bestanden. „Rot/Grün tut Niedersachsen gut“, lautet Weil Regierungsbilanz – und erntet dafür große Zustimmung.

Einzeln lobt Weil die SPD-Minister im Kabinett. Beifall für alle, am meisten für Wirtschaftsminister Olaf Lies, Innenminister Boris Pistorius und Finanzchef Peter-Jürgen Schneider. Lieblinge der SPD-Basis. Bei Kultusministerin Frauke Heiligenstadt fällt die Begeisterung gedämpft aus.

Solidarität und Sicherheit – wie ein roter Faden ziehen sich die Begriffe aus dem Leitantrag durch Weils Rede. Ob Flüchtlingsfrage, Wirtschafts- und Bildungspolitik, Europa – der Ministerpräsident beschwört immer wieder das Bild des kümmernden Gemeinwesens, das die kleinen Leute und die Schwachen nicht aus dem Blick verliert. Ein starker Staat sei die beste Versicherung, „dass nicht der Ellenbogen regiert“. Der Leitantrag sieht eine Wiedereinführung der Vermögenssteuer, eine Verschärfung der Erbschaftssteuer sowie des Einkommenssteuertarifs vor. CDU-Generalsekretär Ulf Thiele wird später von einer „Neiddebatte“ sprechen.

Scharf greift Weil seinerseits die oppositionelle CDU an, die nur „politische Kneipenschlägereien im Landtag“ anzubieten habe. Klar grenzt sich der SPD-Landeschef von der rechtspopulistischen AfD ab, und ebenso klar fordert Weil ein Verbot der NPD.

Mit 94,6 Prozent Zustimmung der über 200 Delegierten bei seiner Wiederwahl als Parteichef verpasst Weil die letzte Bestmarke nur knapp. Weil strahlt trotzdem. Manche hatten mit weniger gerechnet. Doch der Appell zur Geschlossenheit fruchtet auch bei den Ergebnissen für die Stellvertreter und die weitere Führungsspitze.

Diese Geschlossenheit bröckelt erst bei der Rede des Bundesvorsitzenden. Sigmar Gabriels Aufruf, dass sich die Partei auf ihre traditionellen Werte besinnen, die Sorgen und Ängste der Menschen aufgreifen und einen neuen Sozialpakt schmieden müsse, trifft auf Beifall. Aber nicht bei jedem. Viele bleiben sitzen. Manche rühren keine Hand für den Niedersachsen. Selbst Weils Lob für Gabriel hilft nicht viel. Der Bundesvorsitzende erreicht an diesem Tag so manchen niedersächsischen Genossen nicht.