Oldenburg - Wie unbotmäßig. Schwarz-gekleidete „Suffragetten“ treten den Honoratioren entgegen. Begehren gar Frauenrechte! „Wir wollen auf eigenen Beinen stehen“, halten die Damen den Ehrengästen auf Flugblättern entgegen. Die Herren lächeln. Man kennt sich. Aus dem Landtag. Die Frauen der Grünen-Fraktion weisen in historischen Kostümen bürgerlicher Frauenrechtlerinnen des frühen 20. Jahrhunderts auf charmante Weise darauf hin, dass vor 100 Jahren Frauen kein Wahlrecht besaßen – als der Alte Oldenburger Landtag am 9. November 1916 eingeweiht wurde. Mit einem Festakt ehren am Donnerstag niedersächsische Abgeordnete aller Fraktionen dieses Datum, reisen extra aus Hannover an. Die Landesregierung mit Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) verlegt die Kabinettssitzung nach Oldenburg.

Viel Schmunzeln begleitet die „Demonstration“. „Wir brauchen eine Stimme“, bettelt Suffragette Elke Twesten, im Hauptberuf Grünen-Abgeordnete und Vize-Präsidentin des Niedersächsischen Landtags, Parlamentspräsident Bernd Busemann (CDU) an. Hoheitsvoll antwortet dieser: „Deshalb bin ich hier...“ In der Festrede verspricht Busemann großzügig, „die Forderungen der Frauen wohlwollend zu prüfen“.

Doch der Blick zurück auf 100 Jahre Landtag in Oldenburg bietet nicht nur Erheiterndes. Mitten im Ersten Weltkrieg erbaut, als Millionen Soldaten im Westen ihr Leben ließen, fehlte es nicht nur an Frauenrechten, sondern auch an jeder parlamentarischen Tradition im Großherzogtum. „Oldenburg hat sich als letztes der Vorgängerländer Niedersachsens dem Parlamentarismus geöffnet“, erinnert der Landtagspräsident. „Heute“, so Busemann, sei Oldenburg keineswegs „untergegangen“ im Bundesland Niedersachsen, sondern ein „lebendiger Teil“.

„Hausherr“ Johann Kühme ist jedenfalls stolz auf „seinen“ Landtag, in dem heute die Polizeidirektion residiert. Der Polizeipräsident nennt den historischen Komplex „ein Kunstwerk“ und zugleich „Kulturträger“ – „prägend für das Oldenburger Stadtbild“. Für Kühme ist der Alte Landtag „ein wesentliches Zeugnis der Demokratie“, auch wenn es eine lange, braune Vergangenheit gab. In der Nazi-Zeit wurden mindestens sieben Abgeordnete ermordet.

Daran erinnert auch der ehemalige Leiter des Staatsarchivs Oldenburg, Prof. Albrecht Eckhardt. Aber auch an den „oft rüden Ton im Landtag“, den eine Zeitung 1916 bemängelte. Das Lachen der heutigen Abgeordneten zeigt, dass manche Tradition auch 100 Jahre überdauert.

Busemanns Vorgänger im Amt des Landtagspräsidenten, Horst Milde (SPD), mahnt, dass ein Blick zurück „mehr denn je nötig“ sei. Nur so gelinge eine „Identifizierung mit der Heimat“, sagt Milde, der sich einen Seitenhieb nicht verkneifen kann. Ihn ärgert schon der Umgang mit einem der bedeutendsten Männer Oldenburgs, Graf Anton Günther. Dessen Reiterstandbild stehe „an der Waschstraße einer Tankstelle“. Das Lachen im alten Plenarsaal zeigt, die Abgeordneten haben Milde verstanden, der doch so gern Anton Günther vor dem Oldenburger Schloss sehen würde. Doch auch ohne Anton Günther zeigt sich der Oldenburger Milde stolz darauf, dass die heutigen Landtagsabgeordneten dem Oldenburger Landtag die Referenz erweisen. „Dieser Tag wird in die Geschichte eingehen“, ist Milde sicher.

Thomas Kossendey, Präsident der Oldenburgischen Landschaft, bestärkt die Abgeordneten, die aus Hannover gekommen sind, in ihrer Entscheidung – und zitiert aus dem Brief eines Leibarztes von Anno Tobak. Dieser schreibt nach seinem Umzug von Hannover nach Oldenburg: „Ich bin glücklich.“ Hier seien „eine Menge kultivierter Leute!“ Der Saal lacht.

Und wann kommen Landtag und Kabinett wieder nach Oldenburg? „Man kann es nicht jedes Jahr wiederholen“, blickt Landtagspräsident Busemann voraus: „Aber schauen wir mal...“