VECHTA - Uwe Bartels nippt an seinem Cappuccino, die Unterschriftenmappen in seinem Büro liegen bereit, der Terminkalender deutet auf einen abwechslungsreichen Tag hin, dann kommt schon der erste Anruf. Die Amtsgeschäfte nehmen Fahrt auf an diesem Morgen.
Der Mann ist mit sich im Reinen. Er strahlt Ruhe und Zufriedenheit aus. Fast immer musste er Umwege in Kauf nehmen, Geduld, Beharrlichkeit und Zeit aufbringen, damit sich die Chance bot und er sein lang angestrebtes Ziel dennoch erreichte.
Die letzte Etappe der beruflichen Karriere war aber wohl auch gleichzeitig sein Meisterstück. Was der heute 65-Jährige vor fünf Jahren schaffte, gilt als historisch. Ein SPD-Politiker stürmt im konservativen Südoldenburg die CDU-Bastion, löst damit ein politisches Erdbeben aus. Ein Sozi wird erster Bürger. Das hat es Jahrzehnte vorher nicht gegeben. Da war immer nur die CDU, ich glaube davor sogar noch Zentrum, lacht Bartels. Aber Bürgermeister in seinem Vechta wollte er immer werden. Das war für mich schon erstrebenswert, als ich politisch anfing.
Noch ist Uwe Bartels Bürgermeister in Vechta, Burgstraße 6: Am 11. September wird ein Nachfolger gewählt die Altersgrenze verhindert seine erneute Kandidatur. Der Wahlkampf ist in vollem Gang. Als kürzlich Ministerpräsident David McAllister Wahlkampf für die CDU in Vechta führte, saß der Bürgermeister in einem Straßencafé und hörte zu. McAllister erblickte den gut postierten Sozialdemokraten und begrüßte per Mikrofon den Bürgermeister der Stadt Vechta. Mit dem aufkommenden Applaus hatte der CDU-Landesvorsitzende wohl nicht gerechnet. Uwe Bartels hat das in aller Stille, aber mit Genugtuung genossen.
Geboren wurde er 1946 in Quakenbrück. Die Familie siedelte bald nach Vechta über, 1966 Abitur, zwei Jahre Dienstzeit bei der Bundeswehr. Da habe ich gelernt, mit Menschen umzugehen, habe Vorträge gehalten. Das politische Interesse wurde aber schon in der Schulzeit geweckt. Es gab eine AG Gemeinschaftskunde, es ging um die innerdeutsche Grenze, sagt Bartels. 1968 beginnt er ein Studium an der Pädagogischen Hochschule Vechta, um bis 1973 Lehrer zu werden. 1972 entscheidet sich Bartels für eine Partei die SPD. Der Grund: Willy Brandt.
Kaum in der Partei, kandidiert Bartels für den Vechtaer Rat und wird gewählt. Das war eine faszinierende Zeit, ich wollte mitgestalten. Für einen Sozialdemokraten in Vechta, der 1975 auch in den Kreistag einzog, allerdings keine einfache Aufgabe. Das war hart, wenn man weiß, vieles für den Papierkorb zu machen, weil die anderen sich sowieso durchsetzen. Der Erfolg war spärlich.
1978 kandidiert Uwe Bartels für den Landtag. Das sah anfangs gut aus, es gab zunächst große Unterstützung in der SPD, doch dann reichte man ihn nach einer Delegiertenversammlung vom Listenplatz 15 auf 35 durch. Die SPD erzielte bei der Wahl ein so schlechtes Ergebnis, dass das Unmögliche erst dadurch möglich wurde: Uwe Bartels war Landtagsabgeordneter, was er bis 1990 blieb.
Der Mann aus Vechta machte sich einen Namen als umweltpolitischer Sprecher, Opposition kannte er ja von zu Hause. Die Wahl 1986 ging knapp verloren. Beim nächsten Anlauf in Hannover sah es besser aus, Wochen vorher auch für Uwe Bartels: Gerhard Schröder hatte mir für den Fall eines Wahlsieges das Umweltministerium versprochen. Doch Schröder hielt nicht Wort, teilte dem Mann aus Vechta mit, dass er für diesen Posten Monika Griefahn, Aktivistin bei Greenpeace, vorgesehen hat. Schröder hat seine Zusage nicht eingehalten, sagt Bartels. Die Wahl hat man gemeinsam gewonnen.
Karl-Heinz Funke wurde Landwirtschaftsminister, Uwe Bartels schließlich dessen Staatssekretär. Mit Landwirtschaft kennt man sich aus im Oldenburger Münsterland. Dann kam die Schweinepest. Drei Jahre blieb sie. Wir haben in dieser Zeit die effektivste Seuchenbekämpfung in Europa entwickelt. 1998 wird Schröder Kanzler, Funke folgt im Amt als Fachminister nach Bonn, Bartels wird Landes-Agrarminister bis 2003.
Regierungswechsel in Hannover. Der Mann aus Vechta wird wieder einfacher Abgeordneter. Das ist keine schöne Aufgabe. Da fehlt die Perspektive, sagt der 65-Jährige rückblickend. Er wird schließlich Bürgermeister und legt deshalb das Landtagsmandat nieder.
Längst hätte Bartels an diesem Tag in einer Besprechung sein müssen, die Herren warten. Doch Bartels nimmt sich die Zeit, über sein Vechta, wo es richtig boomt, zu sprechen: Im Haushaltsansatz für 2011 haben wir 19,7 Millionen Euro an Gewerbesteuer eingesetzt. Im August lagen die Einnahmen schon bei 22 Millionen. Seine Augen strahlen. Die Arbeitslosenquote beträgt 3,6 Prozent. 35 Gewerbegrundstücke wurden 2010 verkauft. Es muss herrlich sein, ein geordnetes Haus zu hinterlassen egal für wen.
An den Wänden im Bürgermeisterbüro hängen neben Bildern gerahmte Fotografien, die Bartels mit dem Papst, ein anderes ihn und den betagten Helmut Schmidt zeigen. An eine Wand gelehnt steht auf dem Fußboden die Reproduktion eines Stoppelmarktplakats von 1975. Sie ist eine Hommage an Uwe Bartels nahezu 40-jähriges Engagement für Vechta und den Stoppelmarkt, er hat sie kürzlich im Festzelt bekommen. 1000 Menschen haben sich von ihren Plätzen erhoben und ihm applaudiert. Respekt vor einer Lebensleistung.
Das Plakat wird seinen Platz finden demnächst bei Familie Bartels zu Hause.
