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Gedenken An Schlacht Bei Nowa Wola Versöhnung über alten Gräbern

Marco Seng

Serniki/Oldenburg - Ein Ort in Polen, drei Geschichten in 100 Jahren. Krieg, Vertreibung, Versöhnung. Unterschiedliche Umstände, andere Generationen – und doch gehört alles irgendwie zusammen. Horst Spielmann ist die Verbindung.

Da ist die Geschichte einer Schlacht im August 1915, zwischen Deutschen, Österreichern und Russen, bei Nowa Wola, ein kleiner polnischer Ort, Teil der Gemeinde Serniki. Der 1. Weltkrieg tobt, auch im Osten. Kanonendonner, Gewehrsalven, Säbelgerassel. Oldenburger Soldaten kämpfen hier für das Deutsche Kaiserreich – und fallen. Ein kleiner Friedhof und eine Inschrift erinnern daran.

Knapp 30 Jahre und ein Weltkrieg später, wieder Serniki, eine andere Geschichte. Das Dritte Reich steht vor dem Untergang, die Front rückt näher, Deutsche werden aus Polen vertrieben. Der deutsche Gutsverwalter von Serniki wird von der Wehrmacht eingezogen, im Kampf verwundet, stirbt. Frau und Kinder überstehen den Krieg in Schlesien, werden 1946 nach Hude im Oldenburger Land evakuiert.

11. September 2015: Zum Gedenken an die Schlacht vor 100 Jahren und um ein Zeichen der „Versöhnung über den Gräbern“ zu setzen, hat der Bürgermeister der Gemeinde Serniki, Stanislaw Marzeda, nach Ostpolen eingeladen.

Horst Spielmann steht auf der Gästeliste.

Horst Spielmann ist der Sohn des Gutsverwalters.

Horst Spielmann hält die Erinnerung an das 91. Oldenburgische Infanterie-Regiment wach.

Flucht nach Westen

Eigentlich ist der 72-Jährige Arzt für Pharmakologie. Er ist Professor am Institut für Pharmazie der Freien Universität Berlin. Er hält Vorlesungen in Toxikologie für Studenten der Chemie und der Biochemie. Er ist Tierschutzbeauftragter der Landes Berlin.

Doch das alles hat nichts mit dieser Geschichte zu tun.

Spielmann hat lange gesucht – seine Wurzeln, die Geschichte seiner Familie, die Rolle seines Vaters im Krieg. Er hat Antworten gefunden.

Und mehr. Er ist selbst ein Teil der Geschichte von Serniki geworden. Er verbindet Oldenburg mit Ostpolen. Er leistet einen Beitrag zur Versöhnung in Europa.

„Es ist eine sehr persönliche Geschichte“, sagt Spielmann. Und erzählt.

Von der Stadt Lublin, wo er 1942 als Sohn des Landwirts Heinz Spielmann und dessen Frau Margaret geboren wird. Von der Flucht mit der Mutter und den zwei Schwestern nach Bad Landeck in Schlesien und später nach Westen. Von den zehn Jahren, in denen er in Hude, Berne und Delmenhorst die Schule besucht. Von seiner Frau aus Kirchhatten, den Verwandten in Wildeshausen.

Spielmann erzählt, wie er bei einer Bildungsreise 2012 nach Lublin zurückkehrt und die früheren Vernichtungslager der Nazis in der Umgebung besucht, in denen vor allem polnische Juden umgebracht wurden: Belzec, Sobibor, Treblinka. Seine Schwester Helga Domröhs ist dabei.

Zwei Fragen wiegen schwerer als das Gepäck: „Sind wir die Kinder von schlimmen Tätern? War unser Vater ein böser Mensch?“ Fragen, die alle drei Geschwister belasten, erzählt Spielmann. „Vielleicht gibt es da noch Menschen, die sich an uns erinnern“, hofft er.

Der Zufall hilft. Oder das Schicksal. Wissenschaftlicher Leiter der Studienreise ist der polnische Historiker Robert Kuwalek, der die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Majdanek leitet. Im Gespräch stellt sich heraus, dass Kuwalek Verwandte in der Gemeinde Serniki hat.

Nach der Reise vergehen einige Monate, doch man bleibt im Gespräch. Kuwalek erklärt sich bereit, Kontakt mit den Einwohnen von Serniki herzustellen. Helga Domröhs schickt alte Familienbilder aus der Zeit von 1939 bis 1944, als Heinz Spielmann Gutsverwalter war.

Kuwalek veröffentlich im Juli 2013 vier Fotos in einer Zeitschrift in Polen. Mit Erfolg. Horst Spielmanns früheres Kindermädchen Iovana Serwin meldet sich. Für Juli 2014 wird ein Besuch vereinbart. Alle drei Geschwister wollen fahren.

Kurz vor der Reise ein Schock: Kuwalek kommt unter unklaren Umständen in der Ukraine ums Leben. Glück im Unglück: Kuwaleks Mitarbeiterin Eva Babol übernimmt die Planung.

Spielmann reist nach Serniki, trifft sein Kindermädchen, inzwischen 92 Jahre alt, und viele andere Menschen. „Der sieht ja aus wie der Vater“, habe eine ältere Dame bei seinem Anblick gerufen. Spielmann an den Wurzeln.

Doch damit ist die Geschichte nicht zu Ende.

Serniki vor 100 Jahren: Am Fluss Wieprz, insbesondere zwischen Zawieprzyce und Nowa Wola, haben russische Truppen ihre Verteidigungslinien ausgebaut – heißt es in der Chronik der Gemeinde Serniki. „Man erwartete einen Sturmangriff seitens der österreichisch-deutschen Armeen, die ihre Artillerie im deutschen Wald am anderen Ufer des Wieprz in Position gebracht hatten.“

Was folgt, ist die kurze Schilderung eines blutigen Gemetzels, das zwei Tage lang dauert. „Das alles muss ein Bild des Grauens gewesen sein: der Anblick des brennenden Dorfes, das ohrenbetäubende Kanonenfeuer, ... das Urrraaa-Geschrei der Soldaten, die zum Kampf geradewegs in die aufgesetzten Bajonette liefen.“

Unter den Gefallenen sind 124 Soldaten des 91. Oldenburgischen Infanterieregiments. Sie werden auf dem Soldatenfriedhof von Nowa Wola beerdigt. Bilder der Grabsteine finden sich in der Chronik von Serniki.

100 Jahre später wird Horst Spielmann von Bürgermeister Marzeda gebeten, weitere Vertreter aus Deutschland zur Gedenkveranstaltung einzuladen. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge sagt zu.

Blutige Schlacht

Spielmann forscht in Oldenburg. Das 91. Oldenburgische Infanterie-Regiment gibt es lange nicht mehr. Die Luftlandebrigade 31 „Oldenburg“, die in dessen Tradition stand, wurde im März 2015 außer Dienst gestellt. Spielmann schreibt Oberbürgermeister Jürgen Krogmann an. Doch die Stadt nimmt nicht teil.

Horst Spielmann hat in der deutschen Übersetzung der Chronik von Serniki noch etwas gefunden. Einen Bericht über die Zeit, in der sein Vater Gutsverwalter war. Die Eltern seien aus Überzeugung Nazis gewesen, muss er da lesen. Der Vater sei bekannt gewesen für seine aufbrausende Art und seine „Grausamkeiten“ gegenüber Bediensteten.

Spielmann hat aber in Serniki auch erfahren, dass sein Vater kein „Täter“ war, dass er von den Partisanen verschont wurde. „Mein Vater muss mit den Polen kooperiert haben“, ist er überzeugt. Sonst hätte die Familie nicht überlebt.

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