WALSRODE - Franz Müntefering greift seine Gegner scharf an. Heftige Debatte über Mitverantwortung von Jüttner, Heil und Gabriel.
von marco seng,
redaktion hannover
WALSRODE - Der Empfang ist eiskalt. „Schön, dass Du kommen konntest“, ruft Wolfgang Jüttner Franz Müntefering zu. „Grüß Dich, Wolfgang“, entgegnet der mit starrem Blick und eilt in die Halle. Der SPD-Fraktionschef und der scheidende Bundesvorsitzende haben sich nach den Turbulenzen der vergangenen Woche nicht mehr viel zu sagen. Eigentlich sollte der Machtwechsel an der Spitze der niedersächsischen SPD im Mittelpunkt des Landesparteitags in Walsrode stehen. Die dramatische Ereignisse in Berlin macht die Wahl von Garrelt Duin zum Landeschef jedoch zur Nebensache.Als Müntefering den Saal betritt, steigt die Temperatur deutlich. Minutenlang feiern die rund 200 Delegierten den Sauerländer. Nach seiner einstündigen Rede gibt es noch einmal stehende Ovationen von der Basis. Die Landesspitze wirkt bei den „Münte-Festspielen“ wie begossene Pudel. Vor allem, als Müntefering zum Rundumschlag ausholt. „Die Leichtigkeit und die Undiszipliniertheit, mit der in den Medien übereinander gesprochen wird, machen uns kaputt“, ruft der designierte Vizekanzler den Genossen zu. Und: „Flügel sind gut, aber vergesst nicht, der Kopf ist in der Mitte.“ Das geht gegen Jüttner, den Müntefering offensichtlich für seinen Sturz mitverantwortlich macht. Vielleicht auch gegen Duin. Beide hatten sich im Vorfeld der Entscheidung über den neuen Generalsekretär öffentlich für die Parteilinke Andreas Nahles stark gemacht.
Namentlich bekommt vor allem Hubertus Heil seine Fett weg. Der künftige Generalsekretär hatte eine telefonische Schaltkonferenz organisiert, um Münteferings Kandidat Kajo Wasserhövel zu verhindern. Nach seiner Wahl werde Heil keine Zeit mehr haben, an solchen Schaltkonferenzen teilzunehmen, giftet der Parteichef. Der starke Applaus gibt ihm Recht.
Dann wechselt Müntefering die Tonart. Gelassen, fast schon versöhnlich, ruft er die niedersächsischen Genossen auf, ihrer neuen Parteispitze bedingungslos zu folgen. „Gebt dem Garrelt den notwendigen Rückenwind.“ Doch der Appell fruchtet nur teilweise. Das Wahlergebnis ist mit 77,5 Prozent eher enttäuschend. Angesichts der Umstände sei er damit zufrieden, sagt der 37-Jährige.
Müntefering will sich schon auf den Weg machen, da kocht die Debatte noch einmal hoch. Wirtschaftsstaatssekretär Gerd Andres wiederholt seine Vorwürfe, Jüttner sei ein „Traumtänzer“. Aus dem Bezirksverband Hannover gibt es heftige Kritik an Heil und Ex-Ministerpräsident Sigmar Gabriel, die beide zur SPD-Gruppierung „Netzwerker“ gehören. Viele Genossen machen sie für den Sturz Münteferings verantwortlich. „Warum heißen die Netzwerker eigentlich Netzwerker und nicht Strippenzieher?“, fragt Stephan Weil. Gabriel müsse sich zu seiner Verantwortung bekennen, fordert Hauke Jagau. Nur eines hört man an diesem Tag nicht: Lobende Worte für den scheidenden Landeschef Jüttner. Nicht einmal aus seinem Bezirk Hannover.
Viele Nein-Stimmen
