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Polen Kaczynski macht Schlesier zum Sündenbock

Jacek Lepiarz

WARSCHAU - Der national-konservative polnische Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski hat einen neuen Sündenbock. Nach den Deutschen und Russen, die bisher als Buhmänner herhalten mussten, hat er nun, gut ein halbes Jahr vor der Parlamentswahl, die polnischen Schlesier ins Visier genommen.

Schlesiertum sei „eine Art, sich vom Polentum zu distanzieren“ und wahrscheinlich eine „verkappte Option für Deutschland“, schrieb Kaczynski ins Programm seiner Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS).

„Selbstverwaltung Ja, Separatismus Nein“, bekräftigte Kaczynski am Dienstag in Warschau seinen Standpunkt. Niemand dürfe die Einheit der Nation und des Staates infrage stellen. Seine Partei meine damit nur jene Schlesier, die die polnische Identität ablehnten, erläuterte PiS-Sprecher Adam Hofman. „Menschen, wie (Jerzy) Gorzelik, der einen schlesischen Staat gründen will“, so Hofman.

Strafanzeige erstattet

Die von Gorzelik geleitete Bewegung für Autonomie Schlesiens (RAS) kämpft seit Jahren um mehr Selbstständigkeit für die Woiwodschaft (Verwaltungsbezirk) Schlesien mit der Hauptstadt Kattowitz (Katowice) im Süden des Landes.

Eine Reaktion auf Kaczynskis Vorstoß ließ nicht lange auf sich warten. Zehn Parlamentarier der Regierungspartei Bürgerplattform (PO) erstatteten wegen „Verunglimpfung“ prompt eine Strafanzeige gegen den Oppositionschef. Wir wollten nicht als „fünfte Kolonne“ abgestempelt sein, erklärte der aus Schlesien stammende PO-Fraktionschef Tomasz Tomczykiewicz.

Jaroslaw Kaczynskis Standpunkt sei Beweis für seine „erschreckende Ignoranz“, sagte der Soziologe Jerzy Szacki. „Abscheulich“, kommentierte Starregisseur Kazimierz Kutz, ebenfalls ein Schlesier. In einer Blitzumfrage für den TV-Sender TVN24 äußerten sich 87 Prozent der Befragten kritisch über Kaczynskis Meinung.

Gorzelik sieht in der Einstellung der National-Konservativen eine Politik nach dem Motto „Polen nur für Polen“. Das Streben nach mehr Selbstständigkeit habe nichts mit einer Änderung der Grenzen zu tun, versicherte er.

Bei einer Volkszählung vor neun Jahren hatten sich mehr als 173 000 Menschen zur schlesischen Nationalität bekannt. Bei der Neuauflage der Volkszählung, die am Freitag begonnen hat, rechnet Gorzelik mit einer Verdoppelung des Ergebnisses.

Eigene Identität

Die Woiwodschaft Schlesien (Slaskie) entspricht in Teilen dem früheren Oberschlesien. In der Vergangenheit hatten sich dort polnische, deutsche und tschechische Einflüsse gekreuzt. Nach 1945 ging die industriell geprägte Region an Polen. Trotz starker Einwanderung aus anderen Landesteilen haben die Einwohner ihre Identität und ihre Regionalsprache bewahrt. Das Oberste Gericht lehnte allerdings vor sechs Jahren eine Anerkennung der schlesischen Nationalität ab.

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