Wer vor den Wahlen alles richtig gemacht hat, kann nach den Wahlen nicht alles falsch machen? Doch, man kann. Westerwelle konnte. Nach einem überragenden Ergebnis bei der Bundestagswahl gelang dem FDP-Vorsitzenden nicht mehr viel. Sein Verzicht auf eine mögliche Wiederwahl im Mai ist deshalb folgerichtig und könnte den Liberalen helfen, wieder Tritt zu fassen. Guido Westerwelle, der noch vor kurzem in Richtung Medien tönte Ihr kauft mir den Schneid nicht ab, blieb nur noch dieser Schritt, um nicht noch mehr zu verlieren.
Die Liste von Fehlentscheidungen, Versäumnissen und Missverständnissen füllte sich bereits am Wahlabend und wurde seitdem immer länger. Es war falsch, dass der Parteichef unbedingt in die Fußstapfen seines Vorbildes Hans-Dietrich Genscher treten wollte. Bis heute wirkt Guido Westerwelle wie der Darsteller eines Außenministers. Wenn er, wie viele ihm nahe gelegt hatten, den Fraktionsvorsitz statt das Ministeramt angestrebt hätte, wäre es vermutlich für die Liberalen, gewiss aber für Westerwelle besser gelaufen. An der Fraktionsspitze hätte er direkten Einfluss auf die Regierungsarbeit behalten und in der Innenpolitik ein gewichtiges Wort mitgeredet.
Ein großer Fehler war es, nicht den anerkannten Finanzexperten Solms, sondern Brüderle ins Kabinett zu schicken. Die Themen Steuervereinfachung, Euro-Krise und europäische Finanzpolitik wären zur liberalen Profilierung weit geeigneter gewesen als die eher drögen Aufgaben im vergleichsweise einflusslosen Wirtschaftsressort. Heute muss sich die FDP von Finanzminister Schäuble immer aufs Neue schurigeln lassen. Auch die schlampig geführten Koalitionsverhandlungen, die mehr Fragen offen ließen, als Antworten zu geben, wurden der FDP-Spitze angelastet.
Der Partei bietet sich nun die Chance zur Regenerierung. Mit dem brillanten Philipp Rösler gibt es einen möglichen Nachfolger, der schon in Niedersachsen in Partei und Regierung überzeugte. Würde er auch Rainer Brüderle ablösen und der fachlich versierte Daniel Bahr das Gesundheitsressort übernehmen, käme das nicht nur einem Generationenwechsel gleich, sondern auch einem Qualitätssprung für die so stark gebeutelten Liberalen.
