Nächstenliebe ist nicht die ausgeprägte Eigenschaft von Berufspolitikern. Nicht einmal unter denen, die sich dem Christentum verpflichtet fühlen müssten. Dankbarkeit gegenüber einer Person, die einem zum beruflichen Aufstieg verholfen hat, die gibt es dann und wann schon. Ob die ehrlich oder nur gekünstelt ist, wird sich, bald schon oder sehr schnell, unter den nach zwei Landtagswahlen schrecklich gebeutelten Freien Demokraten erweisen.

Da sind nun drei junge Männer, jeder für sich eine Begabung, die schon ziemlich weit oben sind, die aber, wenn möglich, noch weiter hoch wollen. Diese drei FDPler zögern, den Mann, der ihnen den Karrieresprung erleichtern half, politisch zu meucheln. Wer, mit etwas Takt und Stilgefühl, möchte schon der Brutus sein, der seinen Freund Cäsar vom Throne stößt. So gewalttätig wollen die Herren Rösler, Bahr und Lindner mit Guido Westerwelle nicht verfahren. Auch der von ihm zum Generalsekretär erhobene 32-jährige Christian Lindner, ein kluger Kopf und ein beinahe brillanter Redner, zeigt (noch) Skrupel. Verständlich, denn Westerwelle, der an dem Waterloo in Mainz und Stuttgart die eigentliche Schuld trägt, wird erst weichen, wenn es gar nicht mehr anders geht.

In der FDP heißt es landauf, landab, jetzt müssten „die Jungen“ ran. Sicher ist nur, dass Westerwelles Zeit zu Ende geht, unaufhaltsam. Man erzählt sich in Berlin, dass auch Hans Dietrich Genscher, der Westerwelle noch nie ins Herz geschlossen hatte, allmählich die Hand von ihm zieht.

Des Parteichefs erster dicker Fehler war die Fixierung auf wirklichkeitsfremde Steuererleichterungen, dann, als Außenminister, der zweite, die Enthaltung bei der Abstimmung des Sicherheitsrates über die Flugverbotszone über Libyen (gegen den Rat seiner erfahrenen Diplomaten). Niemand hätte deutsche Soldaten für den Einsatz in Libyen verlangt.

Wenige FDP-Leute getrauen sich öffentlich zu sagen, dass die Erneuerung der Partei nur ohne Westerwelle gelingen wird. Doch in den Augen fast aller sieht der Vorsitzende mit seinen nur 50 Jahren mittlerweile ziemlich alt aus, wenngleich im „besten Mannesalter“.

Daniel Bahr, FDP-Vorsitzender in NRW, auch erst 35 Jahre, schwört eben noch Treue. Ein Schildknappe von Westerwelle ist er nicht. Philipp Rösler soll sich vom Parteichef schon vorsichtig freigeschwommen haben.

Wer kann Westerwelle folgen, wenn nicht einer der drei „Hoffnungsträger“? Und dann, am ehesten, der dem Parteichef in der Fähigkeit zum strategischen Denken schon ebenbürtige Lindner. Zu jung? Kein starkes Argument. Am Montag beratschlagen Vorstand und Präsidium der FDP über ihre elende Lage. Vielleicht ist Westerwelle am Dienstag schon nicht mehr Vorsitzender. Nicht sehr wahrscheinlich. Eine Sensation wäre es aber auch nicht.