Dornum - Sorgen über Fachkräftemangel sind aus allen Branchen zu hören – im nautischen Bereich ist es aktuell aber besonders heftig. „Es geht um unsere Zukunft und den Erhalt des Wissens, dass bei uns vermittelt wird“, sagt Christina Ulrichs, Geschäftsführerin der Reederei Baltrum-Linie. Als kleiner Betrieb mit aktuell weniger als 40 Mitarbeitern sei jeder nicht besetzte Ausbildungsplatz schmerzhaft spürbar, so Ulrichs. Grund für die Schwierigkeiten bei der Suche nach Azubis ist ihrer Meinung nach vor allem ein Image-Problem: „Schiffsmechaniker, das ist irgendwo auch ein unsichtbarer Beruf, weil viele unserer Gäste bei einer Fahrt eher zum Kapitän mit der Uniform gucken – dabei sind die Schiffsmechaniker die wichtigsten Hände an Bord.“
Zukunftssicherheit und übertarifliche Entlohnung
Zugleich sei der Beruf durch das breit gefächerte Spektrum von vermittelten Kenntnissen interessant, denn vom Maschinenraum bis zur Brücke müssen angehende Schiffsmechaniker überall arbeiten oder einspringen können. Selbst die Navigation eines Schiffes gehört dazu, weshalb „das eigentlich der wichtigste Beruf ist“, bewertet die Geschäftsführerin. Durch den aktuell beginnenden technologischen Wandel im Fährbereich hin zu Elektro- oder Wasserstoffantrieben sei auch eine Zukunftssicherheit gegeben, die über die aktuell bereits existierenden Vorteile hinausgehe. Ulrichs: „Es ist schon jetzt ein sicherer Arbeitsplatz, der übertariflich entlohnt wird, weil Leute in diesem Bereich dringend gebraucht werden.“ Kostenlose Verpflegung und Unterkunft an Bord gehören bei der Baltrum-Linie ebenfalls zum Azubi-Paket, bei Bedarf auch Hilfe bei der Wohnungssuche, wirbt Ulrichs.
Die „Baltrum I“ auf der Fahrt zwischen Festland und Insel. Schiffsmechaniker werden hier genauso wie auf den anderen Schiffen der Reederei-Flott gebraucht. Bild: Baltrum-Linie
Bewerber vorwiegend aus dem Süden – aber mit Überzeugung
Das lockt zumindest bei der Baltrum-Linie aber trotzdem keine einheimischen Jugendlichen: „Bei den jungen Menschen, die Küste und Seefahrt vor der Haustür haben, gibt es nur wenig Interesse.“ Oft möchten diese nach Ende der Schulzeit wegziehen – oder suchen Arbeitsplätze in Heimatnähe, die absolut planbare Zeiten haben, etwa im klassischen Schichtbetrieb. „Den letzten echten Küstenkind-Azubi hatten wir vor etwa zehn Jahren“, erinnert sich Ulrichs, „seitdem waren Wiesmoor oder Rastede die nächstgelegenen Heimatsorte.“ Viele kommen demnach von noch weiter weg, aus Leipzig oder Orten nahe der österreichischen Grenze; eine Beobachtung, die auch die Reederei Norden-Frisia bereits gemacht hat. Der Eignung zum Schiffsmechaniker tue das keinen Abbruch – im Gegenteil: „Die Bewerber aus dem Süden waren immer auch solche, die große Überzeugung mitgebracht haben.“ Trotzdem müsse die Reederei für jeden Schiffsmechaniker-Azubi kämpfen.
Azubi-Tausch mit anderen Reedereien
Auf der Suche nach Anreizen, die Ostfrieslands Jungend stärker locken könnten, denkt Christina Ulrichs an vermehrten Austausch mit benachbarten Betrieben. „Unsere Azubis könnten zeitweise in den Alltag anderer Reedereien schnuppern, und umgekehrt.“ Schon jetzt kooperiert die Baltrum-Linie mit der AG Ems, der Reederei Norden-Frisia sowie der Schifffahrt der Inselgemeinde Langeoog bei der Suche nach Nachwuchs, hier sieht Ulrichs künftig auch praktisches Potenzial, um Ausbildungen attraktiver zu gestalten. „Und wir müssen besser in der Werbung werden. Allein die Technologie und der immer wichtiger werdende Aspekt der Nachhaltigkeit im Wattenmeer sind ja interessante Punkte für einen Beruf“, sagt sie. Hier tue sich ihre Branche traditionell schwer gegenüber Reiseunternehmen wie Aida, der fertig ausgebildete Kräfte vom Markt schöpfen. „Dass Azubis nach der Ausbildung weitergehen ist okay, aber wir müssen langfristig auch eigene Leute halten.“
