Norden - Atemnot, Depressionen, Ängste: In der Dr. Becker Klinik in Norddeich sind derzeit etwa 60 bis 70 Prozent der Patienten durch oder wegen der Corona-Pandemie in Behandlung. Das teilte der Chefarzt der Psychosomatik Marco Friedrich Schmeding im Gespräch mit. Die Erkrankungsbilder der Betroffenen reichen dabei von psychischen Erkrankungen wie Phobien und Traumata bis hin zu Lungenerkrankungen.
Leben ist aus den Fugen geraten
Und dabei leiden nicht alle an Post-Covid-Symptomen, also den Folgekrankheiten nach einer Infektion. Einige waren nie an Corona erkrankt, sondern litten an den Begleiterscheinungen der Pandemie: Lockdown, soziale Isolation, Unsicherheit, Jobverlust – all das hat in vielen Fällen bestehende Vorerkrankungen so stark verschlimmert, dass das Leben Betroffener aus den Fugen geraten ist. Schmeding berichtete von Patienten, die tagelang im Bett liegen und denen der innere Antrieb völlig abhanden gekommen sei. Andere hätten unbändige Angst, an ihren ehemaligen Arbeitsplatz zurückzukehren nach einem Jahr Homeoffice oder womöglich länger.
Bernd Hamann (Verwaltungsdirektor, links) und der Chefarzt der Psychosomatik Marco Friedrich Schmeding haben über die Behandlungswege bei Post-Covid berichtet.
Die Vielzahl der Probleme und Symptome ist auch der Grund, warum es keine „typische“ Behandlung gibt. Die Rehabilitationsprogramme werden passgenau auf den Patienten zugeschnitten. Dabei gibt es neben therapeutischen Gesprächen und Seminaren auch ergo- und physiotherapeutische Angebote. Wer Probleme mit dem Ausatmen hat, lernt spezielle Atemtechniken. Um die körperliche Fitness und Ausdauer zu steigern, gibt es Anwendungen im Gesundheitsbad. Doch vor dem Erstellen des Behandlungsplans stellen sich Physiotherapeutin Riccarda Stroensee und ihre Kollegen immer die gleichen Fragen: „Was muss der Patient wieder können und was für Ziele hat er?“
Haus, Hund, Kind und Job - und dann kam Corona
Denn bei einigen Patienten haben die Folgen der Erkrankung das Leben komplett auf den Kopf gestellt. Klinikleiter Schmeding ist eine Frau Mitte 40 in Erinnerung geblieben, deren Alltag vor der Infektion von Haus, Hund, Kindern, Arbeit und Studium geprägt war. Und danach?
Da konnte sie nicht einmal mehr zehn Treppenstufen steigen, ohne verschwitzt und völlig erschöpft zu sein. Sie suchte Hilfe und kam so in die Klinik – das war im März 2021. Bei ihr stand morgens um 8 ein Termin auf dem Plan und dann erst um 12 Uhr, erinnert sich Stroensee – zwei vormittags, zwei nachmittags. Dabei ist es regulär mindestens das Doppelte. Doch die Gesundheitssituation ließ es nicht zu.
Treppensteigen oder Rad fahren
Die Übungen in der Klinik reichen dabei vom Leiterklettern - was etwa für Maurer von Belang ist – über ganz normale Fitnessübungen, bei denen an der Muskelkraft gefeilt wird, bis hin zu Konzentrations- und das Gedächtnistrainings. Immer aber ist das Rehaprogramm abhängig davon, was im Berufsleben und Alltag benötigt wird.
Diesbezüglich unterscheiden sich Genesene nicht von anderen Reha-Patienten. Die Unterschiede fallen meist nur in der Leistungsfähigkeit auf: „Statt zehn Wiederholungen machen die beispielsweise nur vier“, so Stroensee
