Landkreis Aurich - Patienten, die lange Wartezeiten für Fachärzte in Kauf nehmen müssen, Hausärzte mit Aufnahmestopp: Im Landkreis Aurich und speziell in der Norder Küstenregion herrscht offenbar Ärztemangel. Nicht jedoch, wenn man die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) fragt: Die konstatiert für die Region sogar eine 110-prozentige Überversorgung. Der Hager Arzt Dr. Axel Schönian stellt dazu eine eigene Berechnung an, nach der es in der Praxis doch zu wenig Ärzte gibt – und der KVN-Pressesprecher Detlef Haffke widerspricht dieser Sichtweise auch gar nicht. Aber: „Das können wir nicht ändern“, erklärt er auf Nachfrage.
Problem ist der Verteilunggschlüssel
Das Problem ist der Verteilungsschlüssel für Arztpraxen nach der Bevölkerungszahl. Hausärzte werden auf der Ebene von Kommunen verteilt, Fachärzte nach Landkreisen, erklärt der KVN-Sprecher. Darin wird nicht berücksichtigt, dass die Inseln Norderney, Juist und Baltrum mit zum Festland gerechnet werden, obwohl deren Ärzte in der Praxis nicht erreichbar sind. Dabei stellt er grundsätzlich klar: „Der errechnete Bedarf hat überhaupt nichts mit den Bedürfnissen der Patienten zu tun.“ Im Blick habe man eher die Verteilung der Arztpraxen, die nicht zu stark konkurrieren sollen.
„Der Bedarf an ärztlichen Leistungen wächst“
Angesichts einer zunehmenden älteren Bevölkerungsgruppe sei man sich bewusst: „Der Bedarf an ärztlichen Leistungen wächst.“ Aber Grundlage für die Berechnungen seien gesetzliche Vorgaben, in denen die besondere Situation Ostfrieslands bislang nicht berücksichtigt werde. Es gebe auch einen Passus für Sonderbedarf, meint Detlef Haffke. „Wenn man gut argumentieren kann, dass besondere Bedingungen vorliegen, kann man den vielleicht anbringen.“ Aber im Bundesausschuss, der die Beteiligten von Politik und Gesundheitsversorgung zusammenbringt, gebe es auch andere Ansichten. Die Krankenkassen etwa stünden einer Vergrößerung der Ärztezahl nicht positiv gegenüber- Letztlich müssten auch die Ärzte der Region befragt werden.
Ärztlicher Nachwuchs will mehr Freizeit
Aber selbst wenn alle Seiten einer Neuberechnung des ostfriesischen Bedarfs zustimmen würden, gebe es für Neuansiedlungen noch ein Problem: „Sie müssen die Ärzte erst einmal finden, die neue Praxen gründen wollen.“ Beim ärztlichen Nachwuchs gebe eine andere Mentalität als früher: hin zu weniger Verantwortung und zu einer besseren Work-Life-Balance. Heißt: „Der Faktor Freizeit spielt eine viele größere Rolle. Die jungen Ärzte gehen lieber in Festanstellungen.“
Dieses Problem zu lösen, brauche es mehr Unterstützung, etwa durch die Kommunen. Die könnten Ärzte ansiedeln, in dem sie sie fest anstellen. Haffke: „Wir als KVN werden es nicht schaffen, genügend Ärzte in die Region zu holen.“
