Norden - Es sieht kuschelig aus, was Olena Rosliakova hergestellt hat: Hundekörbchen aus Vlies in allen Formen und Farben, sogar mit kleinem Dach. Bilder davon zeigt sie gerne herum, denn die 44-Jährige hofft, sich damit in Deutschland selbstständig machen zu können. Sie ist eine von rund 2300 Geflüchteten aus der Ukraine, die im Landkreis Aurich Unterschlupf gefunden haben – und die kurz vor dem Jahrestag des russischen Angriffs langsam die Hoffnung verlieren, in die Heimat zurückkehren zu können.
Gedanken bei der Familie
„Die Gedanken sind bei meiner Familie in der Ukraine“, erzählt Alla Dzholos beim Gespräch in der Norder Kreisvolkshochschule, übersetzt von deren Leiterin Irina Eifert. Alla Dzholos kam im August in Norden an und versucht intensiv, die deutsche Sprache zu lernen, aber für mehr als Alltagskonversation reicht es noch nicht. Sie schlafe schlecht, erzählt die Mutter zweier Kinder. Die drei sind aus Dnipro am Dnepr vor dem ständigen Beschuss durch russische Raketen geflohen. Rund um ihre Wohnstraße seien die Geschosse eingeschlagen, und ihre Tochter habe sie jeden Tag gefragt: „Mama! Müssen wir heute sterben?“
Möchte mit ihren besonderen Hundekörbchen Selbständigkeit erreichen: Olena Rosliakova. Bild: Axel Pries
Jetzt in Norden muss sie häufiger gegen Verzweiflung ankämpfen. Pragmatismus soll helfen: „Wir müssen nach vorne schauen“, sagt die 35-Jährige, die in der Heimat als Verkaufsmanagerin für Lebensmittel-Filialen arbeitete. Aber gerade die Zukunft ist so ungewiss. Anfangs habe man ja noch gedacht, dass der Krieg bald vorbei ist, und eine Rückkehr näher rückt.
Diese Hoffnung ist längst verschwunden. „Der Krieg hat etwas in unseren Köpfen gemacht“, übersetzt Irina Eifert ihre Worte. Sie lebe mehr für den Moment – und versucht, die deutsche Sprache zu lernen, um sesshaft zu werden: „Das ist jetzt ganz wichtig!“ Sie versucht, nicht daran zu denken, ob es eine Rückkehr in die Ukraine gibt. Egal wie: „Ich versuche, den Kindern eine Zukunft zu geben.“ Denen gehe es eigentlich ganz gut in der Schule. Aber: „Sie vermissen ihre Heimat sehr.“
Insgesamt 3342 Flüchtlinge aus verschiedenen Ländern leben derzeit im Landkreis Aurich. Von ihnen kämen 2341 aus der Ukraine – einschließlich mehrerer Geburten. 183 der Geflüchteten seien als afghanische Ortskräfte aktiv gewesen.
Genau 900 der Flüchtlinge sind nach Angaben der Kreisverwaltung Minderjährige unter 18 Jahren. Darunter sind auch 544 Kinder unter elf Jahren.
Da das Land Niedersachsen seine Quote übererfüllt habe, so die Kreisverwaltung, sind in den letzten Wochen keine weiteren Zuweisungen von Flüchtlingen aus der Ukraine in den Landkreis Aurich erfolgt. Die Zahl der Flüchtlinge aus anderen Ländern als der Ukraine steige leicht an.
Hoffnung verschwunden
Menschen eine Stütze durch Beschäftigung und Tagesstruktur zu geben, ist eines der Anliegen bei der Betreuung durch die Kreisvolkshochschule, erklärt Heinz Abels, Bereichsleiter für Qualifizierung und Beschäftigung. In den Werkstätten und Gärten gebe es vielfältige Möglichkeiten, sich nach Art der Ein-Euro-Jobs handwerklich zu betätigen und etwas zu lernen. Es sei eine gute Gelegenheit, „an bestehende Kompetenzen anzudocken.“
Möchte ihren Kindern eine Zukunft bieten: Alla Dzholos. Bild: Axel Pries
Rückkehr schwierig
Genau das Angebot nutzt Olena Rosliakova für ihre Hundekörbchen. Bereits in der Ukraine hatte sie 2021 angefangen, damit ein Geschäft zu entwickeln. Dann kam der Krieg, und ihre Heimatstadt Charkiw war Schauplatz schwerer Kämpfe. Im Juni ergriff sie mit ihrem kranken Sohn die Flucht, Ehemann und Schwiegereltern blieben zurück. „Ich dachte, es dauert zwei oder drei Monate, und dann können wir zurück“, erzählt sie, übersetzt von Irina Eifert. Jetzt richtet sie sich darauf ein, länger in Deutschland zu bleiben, und mithilfe der KVHS das Geschäft mit den Hundekörbchen auszubauen. Ziel: sich möglichst selbstständig zu machen. „Ich möchte keine Unterstützung mehr brauchen.“ Das klingt nach einer Perspektive, doch tatsächlich sind solche Pläne wohl auch der Versuch, den Sturz in die Depression zu vermeiden. Sie fühlten eine große Leere in sich, erzählen beide. Denn wohin sollten sie zurückkehren, in eine Stadt, „die keine mehr ist?“, fragen die Frauen und haben gerötete Augen. Für Frieden müssten die Kriegsparteien doch erst einmal miteinander sprechen. Alla Dzholos fasst ihr Gefühl zusammen: „Ich hätte nie gedacht, dass wir in der heutigen Zeit so etwas noch erleben.“
