Norden - Dass Überschwemmungen auch ohne die Nordsee eine Gefahr sind, haben die Einwohner im Norderland zuletzt während der Sturmserie im Februar erlebt: Vielerorts standen Keller und Wege unter Wasser, weiter binnenlands am Großen Meer ging eine ganze Feriensiedlung unfreiwillig baden. Dass so etwas im Regelfall nicht passiert, ist Aufgabe des Entwässerungsverbandes – er kümmert sich um das Netzwerk von Gewässern und Sielen, mit denen Wasser aus dem Binnenland in die Nordsee abgeleitet wird. Weil das Schöpfwerk am Leybuchtsiel in diesem Jahr 60 Jahre alt wird, haben wir Obersielrichter Rainer Mellies vor Ort getroffen und über Entwässerung in und um Norden gesprochen – denn mit Blick auf den Klimawandel „müssen wir uns darauf vorbereiten, dass wir unsere Maximalkapazitäten öfter erreichen werden“, so Mellies.
Die Technik wurde immer wieder auf den aktuellen Stand gebracht, viel verändert hat sich rein optisch im Schöpfwerk seit dem Bau in 1962 aber nicht: Obersielrichter Rainer Mellies vor den Pumpen und einer künstlerischen Darstellung des Verbandsgebietes (im Hintergrund)
Wasser aus 25.000 Hektar und 320 Kilometern
Das Leybuchtsiel wurde 1929 fertiggestellt – der Norder Hafen hatte von diesem Zeitpunkt an keinen direkten Nordseezugang mehr. Das Siel war nötig geworden, um den frisch eingedeichten Leybuchtpolder zu entwässern.
Das Schöpfwerk mit drei Pumpen wurde 1962 in Betrieb genommen, um den Raum Norden tideunabhängig entwässern zu können. Von hier aus werden auch die Stauwehre im Verbandsgebiet gesteuert, um die verschiedenen Wasserhöhen zwischen Küste und Berumerfehn auszugleichen.
Das vorgelagerte Leysiel ist ein kombiniertes Sperrwerk mit Schleuse und wurde 1991 fertiggestellt. Es verbindet den Greetsieler Hafen und das Leybuchtsiel über den Störtebekerkanal mit der Nordsee.
Am Leybuchtsiel beziehungsweise dem direkt angrenzenden Schöpfwerk läuft das Wasser aus dem 24.600 Hektar großen Verbandsgebiet zusammen, das sich landeinwärts bis Leezdorf und Berumerfehn und im Osten bis Neßmersiel erstreckt – hier ist „das Nadelöhr“, wie Mellies beschreibt. Gespeist wird das System aus insgesamt 320 Kilometern sogenannter Gewässern der 2. Ordnung – wie etwa das Norder Tief, das einst den Nordseezugang zum alten Stadthafen bildete. Heute dagegen müssen Bootsfahrer nicht nur das Leybuchtsiel durchfahren, sondern danach auch den Störebekerkanal, der sich parallel zum Deich bis Greetsiel erstreckt und dann im Speicherbecken Leysiel mündet, welches durch ein Sperrwerk mit der Nordsee verbunden ist. Bis zu zehn Millionen Kubikmeter Wasser können im günstigsten Fall im Kanal und Becken gespeichert werden – Eine Menge, die von den Pumpen im Schöpfwerk in drei Tagen gewuppt werden kann.
Starkregen überfordert Pumpenleistung
„Jede der drei Pumpen schafft bis zu 15 Kubikmeter pro Sekunde, zusammen etwa 3,2 Millionen Kubikmeter pro Tag“, erklärt Mellies. Das klinge zwar nach viel, aber: „Weil unser Verbandsgebiet so groß ist, heißt das, dass wir pro Tag nur etwa 15 Liter Wasser pro Quadratmeter abpumpen können, wenn dieses komplett abließen würde.“ Starkregenereignisse ergeben allerdings viel größere Litermengen, weshalb dann öfter gepumpt werden muss – und das Maximum erreicht wird. Mellies: „Am Orkanwochenende im Februar fielen in unserem Bereich bis zu 40 Liter Regen pro Quadratmeter, und der Boden war bereits gesättigt.“ Die Folge ist, dass das Schöpfwerk bis März mit knapp 40 Millionen Kubikmetern schon erheblich mehr abpumpen musste als im gesamten Vorjahr (rund 24 Millionen Kubikmeter).
Alltag in der Wasserwirtschaft: Das Leybuchtsiel wird geöffnet, um den Schiffsverkehr zu ermöglichen. Gut sichtbar ist hier der Höhenunterschied von rund 70 Zentimetern der Wasserstände im Störtebekerkanal (links) und dem Sammelbecken vor dem Siel (rechts). Bild: Arne Haschen
Speichermaximum wurde schon erreicht
Das geht wiederum nur, solange das vorgelagerte Speicherbecken noch Kapazitäten hat – das Sperrwerk Leysiel ist tideabhängig und kann nicht zu beliebigen Zeitpunkten entwässern. Ein solcher Extremfall ereignete sich bislang nur ein einziges Mal, wie Mellies erinnert: „Das war in 2012, da hatte der Störtebekerkanal den Höchststand mit 6,5 Metern und das Schöpfwerk konnte nicht weiter abpumpen.“ Das Jahr fiel in der Statistik eigentlich nicht großartig auf mit knapp 100 Millionen Kubikmetern, die durch die Pumpen und das Wehr abgeleitet wurden – die Krux war aber, dass innerhalb sehr kurzer Zeit enorme Wassermengen zusammenkamen, so der Oberdeichrichter.
Klimawandel: Mehr Regen in kurzer Zeit
Das wird sich laut aktuellen Berechnungen künftig eher öfter als seltener passieren. „Wir beobachten eine Verschiebung der Niederschläge in die Winterzeit, mit längeren Schlechtwetterphasen“, erklärt Mellies. Im Rahmen des Projektes „KLEVER-Risk“ mit der Universität Oldenburg, der Jade Hochschule und anderen Partnern wurde für den Entwässerungsverband Norden eine Zunahme der jährlichen Abflussspende von sechs Prozent bis zum Jahr 2100 errechnet – als pessimistisches Szenario. Eine Anpassung der Kapazitäten ist langfristig deshalb zwingend nötig, wie Mellies sagt – eine Vergrößerung der Speicherbecken Leysiel sei aus Naturschutzgründen aber keine realistische Option. „Es wird diskutiert, am Sperrwerk ein Schöpfwerk zu errichten und in unserem Verbandsgebiet mehr Zwischenspeicher zu schaffen.“ Dafür geeignete und freie Flächen zu finden, sei aber mindestens kniffelig, so der Oberdeichrichter.
Wird das Sperrwerk Leysiel künftig mit einem Schöpfwerk verstärkt? Als mögliche Lösung für steigende Wassermengen durch den Klimawandel ist das momentan in der Diskussion. Bild: Axel Pries
