Norderney - Tee aufsetzen, Milch und Zucker einrühren und fertig? Nein, so einfach funktioniert es nicht. Zumindest nicht nach traditioneller Zubereitung auf Norderney. Wie der Ostfriesen-Tee richtig getrunken wird und warum das Insel-Wasser eine spezielle Rolle dabei spielt, zeigt Christa Wessels vom Heimatverein bei einer Zeremonie im Tee-Haus auf Norderney.
Egoistische Gastgeber?
„Zuerst kommt der Kluntje in die Tasse, dann wird der Tee eingegossen, sodass der Kandiszucker knistert“, erklärt Wessels und macht es vor. Dabei gießt sie sich als Gastgeberin zuerst selbst ein. Nicht etwa, weil die Insulaner egoistisch sind, sondern um die Tee-Qualität zu überprüfen, sagt Wessels.
Dann setzt sie bedächtig den Sahne-Löffel am Rand ihrer zarten Teetasse an und gibt die weiße Flüssigkeit mit einer schwungvollen Bewegung in den Tee. Und zwar entgegen dem Uhrzeigersinn: „Denn beim Tee trinken, halten wir die Zeit an“. Die Sahne muss dabei einen Fettgehalt von mindestens 30 Prozent haben – sonst steigt sie nicht wie gewünscht als Sahne-Wolke wieder auf.
Bloß nicht umrühren
Zuvor wurde der Tee in einer bauchigen Kanne zubereitet, indem zwischen acht und zehn Gramm Teeblätter pro Liter mit heißem Wasser übergossen wurden. Zieht der Tee drei bis vier Minuten, soll er anregend wirken, ab fünf Minuten eher beruhigend, erklärt Wessels.
Kaum ist eine Tasse geleert, wird nachgeschenkt. „Wer zu Gast ist, sollte mindestens drei Tassen trinken, um seinen Gastgeber nicht zu beleidigen“. Wer dann genug hat, legt seinen Löffel in die Tasse. Denn umgerührt wird damit nicht, um die Sahne-Wolke nicht zu zerstören: „Der besondere Geschmack kommt durch die Mischung aus der kalten Sahne, dem heißen Tee und dem Kluntje“.
Im Tee-Haus auf Norderney wird der Tee auf traditionelle Art und Weise getrunken.
Alexandra Meier
Christa Wessels vom Heimatverein Norderney gibt vorsichtig die Sahne in den Tee.
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Gehören zum Team des Heimatvereins auf Norderney: Christa Wessels und Hans-Hermann Göhn. Zu Führungen und besonderen Anlässen tragen sie ihre Ostfriesen-Trachten.
Alexandra Meier
Hans-Hermann Göhn präsentiert seinen Ohrring, die sogenannte „Seemanns-Creole“ mit seinen Initialen. Diese halfen früher bei der Identifikation von Toten auf See. Gleichzeitig konnte vom Goldwert des Ohrrings das Begräbnis des Verstorbenen finanziert werden.
Alexandra Meier
Mitglieder des Heimatvereins führen auch durch das Fischerhaus-Museum auf Norderney. Dort erfahren Besucher mehr über das historische Leben und die Traditionen der Inselbewohner.
Alexandra Meier
Mitglieder des Heimatvereins führen auch durch das Fischerhaus-Museum auf Norderney. Dort erfahren Besucher mehr über das historische Leben und die Traditionen der Inselbewohner.
Alexandra MeierAber nicht nur die aufwendige Zubereitungsart, sondern auch das Trinkwasser auf den Ostfriesischen Inseln wie Norderney, soll dabei für den besonderen Geschmack sorgen. „Manche füllen sich extra ihr Wasser von der Insel ab, wenn sie aufs Festland reisen“, sagt Wessels.
Das liegt zum einen daran, dass das Wasser hier sehr weich ist, aber auch an der Gewinnung des Trinkwassers aus einer Süßwasserlinse unter der Insel. Organische Stoffe, die beim Durchsickern in das Wasserreservoir gelöst werden, sorgen dabei für einen speziellen Geschmack des Wassers und eine gelbliche Färbung.
Bevor diese Süßwasserlinse 1885 entdeckt wurde, soll die Wasserqualität auf der Insel sehr schlecht gewesen sein, erklärt Inke Lührs, ebenfalls aus dem Norderneyer Heimatverein. „Deswegen wurde erst sehr viel Bier gebraut, bis man dann feststellte, dass die Menschen nicht ständig nur Bier trinken können und der Tee wurde immer beliebter“, sagt Lührs weiter.
Offizieller Weltmeister
Mit ihrer Zeremonie betreiben die Norderneyer, sowie die Ostfriesen nicht nur einen besonderen Aufwand um das Teetrinken, sondern sind darin auch Weltmeister: Mit einem Jahresverbrauch von 300 Litern pro Kopf schlürfen sich die Ostfriesen ganz klar an die Spitze. 2021 gab es dafür auch eine Auszeichnung durch das Rekord-Institut für Deutschland (RID) für Ostfriesland. Im Rest Deutschlands liegt der Jahres-Konsum bei etwa 29 Litern.
