Norden - Die Tasse Tee gehört zu Ostfriesland so fest dazu wie Fisch und Schietwetter – aber bitte richtig zubereitet: Wer einfach einen Teebeutel in einen Kaffeebecher hängt, hat sich direkt disqualifiziert. Und dann ist da noch die Frage nach der Sorte: Thiele, Behrends, Bünting? Weil wir uns in der NWZ-Redaktion in Norden die Stadt nicht nur mit dem Ostfriesischen Teemuseum, sondern auch der Traditions-Teemarke Onno Behrends teilen, haben wir den ultimativen Test gemacht – die journalistische Sorgfaltspflicht gebietet das geradezu.
Gleichzeitig konnte so auch Kollege Arne Haschen direkt „eingenordet“ werden, denn als Wesermärschler wusste er bis dato vom Teetrinken ähnlich viel wie von der Steuerung eines Spaceshuttles. Dank der Expertise von Anke Zimmer, die als eine der „Teemeisterinnen“ im Museum seit über 20 Jahren einschenkt, bliebt das Experiment aber auf dem Boden ostfriesischer Tatsachen. Vorweg: Alle existierenden Sorten konnten wir natürlich nicht trinken, aus Gründen der Handhabe gab’s einige Marken auch im Beutel statt als lose Blätter – wir entschuldigen uns bei allen Puristen im Vorfeld für das entstehende Unbehagen.
Sahne immer gegen den Uhrzeigersinn: Anke Zimmer vom Ostfriesischen Teemuseum erklärt die richtigen Handgriffe der ostfriesischen Teezeremonie.
Die Zeremonie
Arne Haschen: Von meiner Großmutter aus Heidmühle (Friesland) kannte ich die ungefähre Handhabe mit Kluntje schon, aber dass die Sahne gegen den Uhrzeigersinn gegossen wird und dann eine „Wolke“ und keine „Blume“ bildet, war mir neu – von Dosierungen und dem Umrührverbot ganz zu schweigen. Der erste, ziemlich sahnige Schluck Tee war ehrlich gesagt nicht so meins, aber danach ging es geschmacklich auch für einen Kaffee-Junkie wie mich steil bergauf. Fazit: Mache ich gern wieder.
Dieser Ostfriese weiß um seinen Favoriten: Aike Ruhr ist Norder und kennt seinen Tee – trotzdem konnte er bei der Zeremonie noch Neues lernen.
Thiele – Echte Ostfriesenmischung
Aike Sebastian Ruhr: Ostfriesentee? Thiele-Tee! Genug gesagt, oder? Ostfriesen sind nicht nur für ihre wortkargen Konversationen bekannt, sondern auch für ihren Tee. Zu Recht. Und in meinen Augen ist der Broken Silber von Thiele der Inbegriff des Ostfriesentees. Vollmundig, aromatisch, leichte Bitterkeit, eine feine Herbe. Mehr geht nicht – und auch aus 324 anderen Teesorten würde ein echter Ostfriese mit verbundenen Augen den Thiele-Tee herausschmecken.
Vorsichtiges Probieren: Mit dem frisch vermittelten Expertenwissen im Gepäck kostet sich Kollege Haschen durch eine Tasse Bünting.
Bünting – Grünpack
Arne Haschen: Den Thiele hab ich auch mitgetrunken, im direkten Vergleich schmeckt der Bünting im ersten Moment ein Schlückchen weniger kräftig – im Nachgang bleibt da aber schon eine gewisse Herbe, die unerwartet war. Gefällt mir aber deutlich besser als diverse 0815-Schwarztees, die ich bislang gekostet habe. Am Ende würde ich sagen: Der Bünting ist meine solide zweite Wahl des Tages; wenn mir der künftig noch einmal kredenzt wird, hebe ich gerne meine Tasse.
Wie gut kann die „Auslese“ mithalten? Elisabeth Ahrends kostet sich durch eine für sie unbekannte Sorte.
„Feinste Auslese“ (Uwe Rolf GmbH)
Elisabeth Ahrends: Ich habe versucht, ihm eine Chance zu geben – denn eigentlich halte ich es wie mein Kollege und trinke seit Kindertagen Thiele Broken Silber. Was anderes kam schon Oma nicht in die Kanne. Aber ich wollte dem guten Uwe ja zumindest eine Chance geben. Das Ergebnis: Meinen Favoriten kann er nicht vom Sockel stoßen. Für den leichten Ausklang des Tages bietet die „Feinste Auslese“ aber durchaus Abwechslung – leicht, mild und ohne große Schnörkel.
Hoch die Tasse: Der letzte Tee für Arne Haschen war die Norder Stammsorte Onno Behrends.
Behrends – Ostfriesen Teebeutel
Arne Haschen: Als Nicht-Norder dachte ich früher ja, dass die ganze Stadt sicher ausschließlich Onno Behrends trinkt – weit gefehlt. Umso neugieriger war ich jetzt, eine Sorte des Norder Traditionshauses in der Praxis zu testen. Und die weiß zu gefallen: Weniger bitter als die beiden „großen“ Konkurrenten, aber mit vollem Schwarztee-Aroma, entfaltet sich ein rundum angenehmer Geschmack, der mir vor allem beim ersten, sahnigen Schluck richtig gut gefällt. Mein Testsieger ist daher: Onno Behrends.
Mit Ostfriesentee kennt sich Anke Zimmer gut aus: Seit über 20 Jahren schenkt sie im Ostfriesischen Teemuseum in Norden für Gäste ein und zeigt die Feinheiten der Teezeremonie. Geboren wurde die 61-Jährige in Emden, fühlt sich aber schon seit langem in Norden Zuhause – und auch privat hat Tee einen festen Platz in ihrem Alltag: „Zum Frühstück gibt’s immer Tee, das wäre sonst ungewohnt.“
Für eine „echte“ Zubereitung des Tees gibt es ein paar einfache Eckpunkte, wie die Expertin verrät: Pro Person wird ein Teelöffel loser Tee in die vorgewärmte Kanne gefüllt, plus ein Löffel extra für die Kanne selbst. Das wird mit sprudelnd-kochendem Wasser aufgegossen – danach vier bis fünf Minuten ziehen lassen. Ur-Ostfriesen gießen dagegen nur ein bisschen Heißwasser ein, lassen den Tee ziehen und füllen die Kanne anschließend so auf, dass es genau für eine Tasse pro Person reicht.
Vor dem Einschenken kommt ein Kluntje in die Tasse. Anschließend wird Sahne mit einem passenden Sahnelöffel am inneren Tassenrand eingegossen – gegen den Uhrzeigersinn, weil „die Zeit jetzt angehalten wird“. Umrühren ist tabu, der Löffel dient nur dazu, Kluntjereste zum Lutschen zu entnehmen oder anzuzeigen, dass man keinen Tee mehr möchte.
Tee ist auch nicht Tee, weiß Zimmer: „Ostfriesentee ist immer eine Assam-Mischung und die Zusammensetzung ändert sich bei den Anbietern immer leicht, damit der Geschmack trotz verschiedener Ernten gleich bleibt.“ Als „echt“ darf sich ein Ostfriesentee auch nur bezeichnen, wenn er in der Region abgefüllt wurde.
Wer noch mehr über ostfriesischen Tee wissen möchte, kann dafür das Ostfriesische Teemuseum in Norden besuchen. Neben Exponaten und Sonderausstellungen gibt es dort auch originale Teezeremonien mit Expertinnen wie Anke Zimmer zu erleben. Mehr Infos unter Telefon 04931/12100 oder online unter www.teemuseum.de


