Norden - Die Schule ist vorbei – und dann? Wer eine Ausbildung machen will, aber nicht in Küstennähe wohnt, denkt dabei wohl nur selten an die Seefahrt. Thorben Lohrbach ist jedoch so eine Ausnahme: Der 19-Jährige stammt aus dem hessischen Darmstadt und entschied sich vor knapp drei Jahren, eine Ausbildung bei der Reederei Norden-Frisia als Schiffsmechaniker machen. Seine Mitauszubildende Anna Jacobs (23) dagegen ist ein echtes Küstenkind, denn ihr Elternhaus liegt direkt am Hafen in Neuharlingersiel, ihrem Vater gehört dort der Fischkutter „Gorch Fock“ – den sie dereinst übernehmen möchte. Im NWZ-Gespräch erzählen die beiden Azubis von der Faszination nautischer Technik – und von schmutzigen Händen.
Viel wird noch von Hand gemacht: Das Spleißen von Tauen gehört für die beiden Azubis zum Alltag – schmutzige Hände sind hier inklusive. Bild: Haschen
Im Urlaub vom Nordseefieber gepackt
„Wir haben schon immer auf Juist Urlaub gemacht, und da durfte ich auf der Fähre auch mal auf der Brücke zugucken“, erzählt Thorben über den Weg zu seinem heutigen Ausbildungsplatz. Die Faszination Seefahrt hielt sich so hartnäckig, dass er schließlich den Kontakt zur Frisia suchte und schließlich aufgenommen wurde. Dass er jetzt so weit weg von Zuhause wohnt, stört ihn nicht wirklich, denn „die Atmosphäre mit den Kollegen ist sehr familiär“, so der 19-Jährige. Allerdings: „Plattdeutsch verstehe ich nur ein bisschen.“
Berufsziel: Kapitänin des Familienkutters
Anna pendelt dagegen von ihrem Heimatort aus nach Norddeich – für sie ist es auch bereits die zweite Ausbildung: „Ich bin gelernte Land- und Baumaschinen-Mechatronikerin“, berichtet die 23-Jährige, die schon als Kind ein eigenes Segelboot hatte oder am Kutter der Familie geschraubt hat. Weil sie ein eigenes Kapitänspatent anstrebt, hat sie nun die Ausbildung zur Schiffsmechanikerin angehängt, um Zeit zu sparen – trotzdem wird es insgesamt rund zehn Jahre dauern, bis sie die Kapitänsmütze tragen darf.
Motortemperatur mit dem Thermometer fühlen: Mit den Maschinen unter Deck ist Anna Jacobs bestens vertraut. Bild: Haschen
Was Freunde in Darmstadt von der Seefahrt wissen
Thorben weiß indes noch nicht genau, wohin die Reise für ihn gehen wird: „Es gibt den nautischen und den technischen Bereich, das muss ich mir noch überlegen.“ Viel Zeit hat er dafür nicht mehr, denn sein Abschlusszeugnis wird er im Juni bekommen. Nicht immer einfach ist demnach auch, seinen Job den Freunden aus der Heimat richtig zu erklären. „Die stellen sich das ein bisschen einfach vor, ich wurde nach einem Jahr schon gefragt, ob ich jetzt Kapitän wäre“, sagt er mit einem Schmunzeln.
Auch Elektrik gehört zum Berufsfeld des Schiffsmechanikers – ein Schiffsmechaniker muss den Verlauf jedes Kabels kennen. Bild: Haschen
Schiffsmechaniker – ein moderner Beruf
Tatsächlich gehört zu Berufsfeld Schiffsmechaniker alles, was es auf einem Schiff zu wissen gibt – von der Maschinentechnik, Maler- und Schlosserarbeit über den Umgang mit Tauwerk bis hin zu Navigation und Kommunikation auf See. „Wir werden als Allrounder ausgebildet“, weiß Anna, „als Azubi macht man an jeder Ecke mit.“ Im heutigen Sinne gibt es den Beruf auch erst seit 1989 – vorher waren nautische und technische Bereiche stärker voneinander getrennt. Als „Matrosen“ würden sich Thorben und sie deshalb nicht bezeichnen, obwohl der Begriff umgangssprachlich noch oft genutzt wird.
Kein Job, den jeder machen kann
Nachwuchsmangel ist auch für Reedereien und Fährbetriebe ein Problem: Die AG Ems, die Reedereien Baltrum-Linie und Norden-Frisia sowie die Schifffahrt der Inselgemeinde Langeoog kooperieren deshalb bei der Suche nach Auszubildenden, etwa für den Bereich Schiffsmechaniker/-in.
Demnach bewerben sich zu wenige junge Menschen dieser Tage auf eine Ausbildung im nautischen Bereich – obwohl die Nachfrage nach Fachkräften in diesem Bereich hoch ist, wie es seitens der Kooperationspartner heißt.
Wichtige Tipps für Interessierte haben die beiden Azubis auch auf Lager: „Man muss Interesse zeigen, und schmutzige Hände gehören zum Alltag.“ Vor allem die Bereitschaft zur Vielseitigkeit sei wichtig, weil es gefühlt jeden Tag neue Dinge zu lernen gibt. Eine gewisse körperliche Eignung ist ebenfalls Voraussetzung – alle zwei Jahre ist ein Gesundheitscheck fällig. „Man darf nicht seekrank werden“, so Thorben, aber auch Rot-Grün-Sehschwäche oder ein zu schlechter BMI-Wert sind Ausschlusskriterien. „Eine Brille war auch lange ein Kriterium, aber das ist heute nicht mehr so“, weiß Anna.
Zurück in den Heimathafen
Für sie geht es am Ende des Jahres nach dem Abschluss zurück in den Heimathafen, weil sie für ihr Patent innerhalb der nächsten Jahre über 700 Tage Seefahrtszeit sammeln muss. Auch wenn Thorben noch nicht ganz sicher ist, welchen Weg er im Sommer einschlagen wird, ist für ihn eins klar: „Ich bleibe an der Küste.“
