Abbehausen - Nordenham ist zwar eine recht junge Stadt, in ihrer Geschichte zu kramen kann aber dennoch sehr spannend sein. Dr. Wolfgang Waßhausen jedenfalls wusste während seiner Nachtwächterrundfahrt mit Udo Venemas Tschu-Tschu-Bahn viel Interessantes zu erzählen und präsentierte dabei auch einige Anekdoten.
Leider war an diesem Tag die Heizung im zweiten Anhänger ausgefallen, so dass seine Zuhörer aufs Engste im vorderen Wagen zusammenrücken mussten. Auch entpuppte sich der Umstand als Handicap, dass eine Nachtwächtertour natürlich im Dunkeln stattfindet, die interessanten historischen Orte in Nordenham aber oft nur schwach oder auch gar nicht beleuchtet sind.
Während der Fahrt konnten die Fahrgäste den Erzählungen von Wolfgang Waßhausen über die Lautsprecheranlage zwar bestens folgen, doch war hinter den beschlagenen Scheiben vieles leider nicht zu erkennen – zumal die Bahn auch nicht überall halten durfte. Die Gäste genossen die Fahrt dennoch.
Wolfgang Waßhausen stellte sich als „typischen Nordenhamer“ vor, denn er sei zugewandert, wie überhaupt fast alle Nordenhamer Zugereiste seien. Seit 40 Jahren, so der pensionierte Agraringenieur, beschäftige er sich mit der Heimatgeschichte. Er mache immer aufs Neue spannende und kuriose Entdeckungen.
Armenhaus in Ellwürden
Die anderthalbstündige Reise in Nordenhams Vergangenheit begann an der „Villa Jaspers“ in Ellwürden, dem einst vom Amtsvorsteher Karl Friedrich Jaspers eigens für Tippelbrüder errichteten Armenhaus. Jaspers war der Vater des bekannten Psychiaters und Philosophen Carl Wilhelm Jaspers und war auch verwandt mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Theodor Tantzen, der einen Hof in Abbehausen-Hering bewohnte.
Vorbei an Fährweg und Altem Deich, von wo aus bis Mitte des 18. Jahrhunderts die Fähre nach Bremerhaven ablegte, führte der Weg zum Gut Königsfeld, einem von zehn adelsfreien Gütern, die nach dem Deichschluss 1746 auf dem 1000 Hektar neu gewonnenen Land entstanden waren. Als der dänische König und Herrscher in der Grafschaft Oldenburg seinen Landgewinn wenig später begutachten wollte, hatte er in Ermangelung anderer herrschaftlicher Quartiere eben auf diesem Hof genächtigt.
Wolfgang Waßhausen erzählte von den beiden neuen Gütern Nordenhamm 1 und Nordenhamm 2 und dem zweiten „m“ im Stadtnamen, das auf Antrag eines Angestellten der großherzoglich-oldenburger Bahn gestrichen worden war, und davon, dass das Nordenhamer Gerichtsgebäude das erste Gebäude Norddeutschlands überhaupt sei, in dem Stahlbeton verbaut wurde. Seinerzeit hatte die Baufirma Herdejürgen & Harmsen übrigens erstmals auch italienische Gastarbeiter nach Norddeutschland geholt. Zudem sei die angrenzende „Amtsschließerei“ wohl das einzige Gefängnis weit und breit, in das nicht etwa nur aus-, sondern auch eingebrochen wurde. Dabei ging es um fünf „Amts-Hühner“.
Einen längeren Halt mit der Tschu-Tschu-Bahn gab es am Deich vor dem Midgardhafen. Wolfgang Waßhausen hob die Verdienste des damaligen Vorstandsvorsitzenden Adolf Vinnen hervor, nach dem in Nordenham auch eine Straße benannt ist. Gleichzeitig kritisierte er, dass es an den damaligen Aufsichtsratsvorsitzende Edmund Siemers, der auch viel für Nordenham tat, keine solche Erinnerung gebe. Ebenso wenig wie an Karl Friedrich Jaspers, Carl Wilhelm Jaspers oder an Theodor Tantzen.
Wohneigentum
In der Hafenstraße hielt die Bimmelbahn vor den Kapitänshäusern, die der Reeder Adolf Vinnen für die Mitarbeiter seiner „Deutschen Dampffischerei-Gesellschaft Nordsee“ bauen lief. Er habe dafür eigens eine Wohnungsbaugesellschaft gegründet – vier weitere Industrieunternehmen der Unterweserstadt seien diesem Beispiel gefolgt.
Viele Jahre später wurden die Häuser dann an die Mieter verkauft. So wundere es nicht, schloss Wolfgang Waßhausen, dass Nordenham in der Gruppe der Städte bis 50 000 Einwohner mit 83 Prozent bundesweit die Stadt mit dem höchsten Anteil an Wohneigentum sei. Im Vergleich: Der bundesweite Durchschnitt liege bei 45 Prozent.
