NORDENHAM - Die Zahl der Anklagen gegen Jugendliche und Heranwachsende, wie sie in der Gerichtsstatistik des Amtsgerichts Nordenham für 2007 ausgewiesen wird, ist mit 149 gegenüber 112 im Jahr 2006 gestiegen. Nach Angaben der Amtsgerichtsdirektorin Dr. Claudia Nolte-Schwarting hat die Kriminalität jedoch nicht zugenommen. Für 2005 und 2004 verzeichnet die Statistik ebenfalls um die 150 Anklagen.
Die 35 Mitarbeiter des Amtsgerichts Nordenham waren nach Auskunft ihrer Direktorin in allen Geschäftszweigen gut beschäftigt. Es ergingen 213 Strafbefehle (2006: 252), 153 (225) Erwachsene wurden angeklagt. 487 Zivilprozessverfahren – eine Steigerung um knapp zehn Prozent gegenüber 2006 mit 447 Fällen – waren anhängig. Für alle Prozessbeteiligten sei es besser, wenn das Amtsgerichts hier bleibe, sagte die Juristin. Das Gericht mit seien hochqualifizierten Mitarbeitern, darunter vielen Frauen, sei zudem ein wichtiger Standortfaktor für Nordenham.
Die Statistik spiegelt auch einen gesellschaftlichen Trend wider: Scheidungen werden immer schneller eingereicht. „Es ist schrecklich, wie früh die Ehen zerbrechen“, sagt Claudia Nolte-Schwarting. Kinder in jedem Alter seien davon viel härter betroffen, als es oberflächlich den Anschein habe. 112 Ehescheidungen wurden 2007 verhandelt, ein Jahr zuvor waren es 103. Im Jahr 2007 heirateten 175 Paare.
Nach den Worten von Claudia Nolte-Schwarting laufen nach einer Scheidung der Eltern „viele Jungen völlig aus dem Ruder“. Die Zahl der straffälligen Jugendlichen sei ein Indiz dafür. Im unmittelbaren sozialen Umfeld sei den Heranwachsenden abrupt ein positives Männervorbild abhanden gekommen. Die Jungen lebten nun überwiegend in einem weiblichen Umfeld. Das beginne im eigenen Zuhause und setze sich fort über den Kindergarten bis hin zur Grundschule.
Ein weiterer Aspekt hat sich für 2007 offenbart: Auch türkische Ehen werden laut Claudia Nolte-Schwarting jetzt öfter geschieden. Auch sei ersichtlich, dass einige Eheschließungen „nicht unbedingt auf freier Entscheidung“ gründeten, sondern im verwandtschaftlichen Umfeld stark arrangiert worden seien. „Das scheint auch in Nordenham ein Thema zu sein“, sagt die Richterin.
Nach Auskunft der Direktorin werden immer mal wieder junge Frauen nach ihrer schulischen Ausbildung in die Türkei geschickt und dort vermählt. Junge Männer, die in Deutschland lebten, würden analog dazu mit Frauen aus der Türkei verheiratet. Das hat laut Claudia Nolte-Schwarting die Konsequenz, dass es immer wieder einen Elternteil im Haushalt gibt, der kein Deutsch spricht.
Im Nordenhamer Amtsgericht werden auch Arreste vollstreckt. Zwei Zellen mit vier Plätzen stehen bereit. Alle 14 Tage finden sich hier beispielsweise jugendliche Schulschwänzer aus Oldenburg, Brake, Varel und Wildeshausen ein, um ihre Strafe abzusitzen.
