Ostfriesland/Wangerooge - Die katholische Kirche segnet vieles: Gebäude, Autos, Bäume und vor allem Menschen. Auch viele Paare erbitten sich von Geistlichen den Segen für ihre Beziehung. Den soll es nach Ansicht des Vatikans jedoch nur für Mann und Frau geben – nicht für Mann und Mann oder Frau und Frau. Das wurde vergangene Woche noch einmal deutlich. Die katholische Kirche lehnt die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ausdrücklich ab. Gott „kann Sünde nicht segnen“, heißt es in einer formalen Antwort der vatikanischen Glaubenskongregation auf die Frage, ob Geistliche gleichgeschlechtlichen Partnerschaften den Segen zusprechen könnten.
An der Kirchenbasis in der Region kommt die Entscheidung nicht gut an. „Ich hatte nicht damit gerechnet und habe es nicht verstanden. Was soll das?“, sagt Egbert Schlotmann. Der 58-Jährige ist seit fast sechs Jahren Pfarrer in St. Willehad auf Wangerooge. In dieser Zeit hat er etliche gleichgeschlechtliche Paare gesegnet. Mal nach einer standesamtlichen Trauung auf dem Leuchtturm, mal alleine in der Kirche. Für ihn ist es keine Frage: Pfarrer Schlotmann spendet allen Paaren den Segen – egal, ob sie heterosexuell oder homosexuell sind. Der Segen komme schließlich von Gott und nicht von der Kirche.
Gegen die Linie der katholischen Kirche
Mit dieser Haltung stellt er sich gegen die Linie der katholischen Kirche in Rom. Für Pfarrer Schlotmann geht es dabei nicht darum, mutig zu sein oder sich auf die Seite bestimmter Menschen zu stellen. „Wir stellen uns auf die Seite aller Menschen“, betont er. Schlotmann und die Pfarrei St. Willehad haben daher auf Facebook und Instagram klar Position bezogen. Sie haben eine Regenbogenflagge gepostet und dazu aus der Bibel zitiert. „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein“ (Gen 12,2). Die Gemeinde kündigt in ihrem Beitrag an, die Stimme zu erheben und weiterhin Menschen zu begleiten und denen den Segen Gottes zuzusprechen, „die sich auf eine verbindliche Partnerschaft einlassen. Wir verweigern eine Segensfeier nicht.“ Dies geschehe aus der menschenfreundlichen Zusage Gottes heraus, die allen Menschen gelte: „Gott allein schenkt Segen!“ Das Schreiben endete mit dem Hashtag #LiebeistkeineSünde. Für ihre klare Kante erhält die Kirchengemeinde viel Zuspruch. „Gut, dass es Menschen mit Rückgrat gibt“, heißt es in den Kommentaren. Eine Frau schreibt: „Gott sei Dank gibt es Menschen wie euch.“
Auch Dennis Pahl sieht die Haltung des Vatikans kritisch. „Eigentlich müssten wir jetzt alle nach Rom fahren und demonstrieren“, sagt er. Da das wegen der Pandemie nicht geht, haben sich der Dekanatsjugendreferent und seine Mitstreiter vom katholischen Jugendbüro Ostfriesland eine andere Form des Protests überlegt: Am Wochenende haben sie vor den katholischen Kirchen in der Region Regenbögen gemalt - unter anderem in Esens, Friedeburg, Wittmund, Wiesmoor und auf Langeoog. Ihre Botschaft ist eindeutig: Sie wollen den Segen für alle – auch für queere Paare. Alles andere passe auch nicht zur Botschaft, dass Jesus jeden einzelnen Menschen liebe. Das gelte es, vor Ort zu leben. „Ich schaue, was ich vor Ort gestalten kann“, erklärt Dennis Pahl. Und das fange bei der Sprache an.
Selbst nicht die richtigen Worte gefunden
Er erzählt von einem Gottesdienst, in dem er selbst nicht die richtigen Worte fand. Es war vor einigen Jahren in Nordhorn. Er hatte am Valentinstag einen Gottesdienst für Paare angeboten – und dort von Mann und Frau gesprochen. Ganz unbewusst, ohne jemanden ausschließen zu wollen. „Hinterher hörte ich, dass daraufhin ein lesbisches Paar rausgegangen ist“, erzählt Pahl. Sie fühlten sich offenbar von den Worten verletzt. Dabei hätte eine andere Formulierung gereicht. „Ich hätte ‚Liebe zwischen zwei Menschen’ sagen können“, räumt der 40-Jährige ein. Offene Haltung und Respekt gegenüber allen Menschen: Das ist das, was der Dekanatsjugendreferent anderen mit auf dem Weg geben möchte. Und da sei die Sexualität nur eine Facette. „Wer bin ich, dass ich über diese Paare richte?“, fragt Dennis Pahl.
Die Aktionen von Wangerooge und des Katholischen Jugendbüros Ostfriesland sind nur zwei. Deutschlandweit setzen Katholiken in diesen Tagen ein Zeichen und bekennen Farbe. Sie hissen Regenbogenflaggen an Kirchen oder unterschreiben Petitionen. Pfarrer Egbert Schlotmann geht davon aus, dass nicht nur deutsche Bischöfe das Thema Segen für alle nach Rom tragen werden. Früher hätten die Bischöfe die Äußerungen aus Rom eher abgenickt. Jetzt gebe es eine lebhafte Diskussion. Dennis Pahl hofft, dass es nicht nur beim Diskutieren bleibt. „Redet nicht nur, Tun ist angesagt“, sagt er. Die Bischöfe sollten sich sagen: „Wir machen einfach.“
Hintergrund
Ein Segen ist ein Gebet oder Ritual, das göttliche Kraft oder Gnade spenden soll. Das hebräische Wort für Segen, Barach, taucht bereits in der Schöpfungsgeschichte im Alten Testament auf. Dort werden die Meerestiere und die Vögel gesegnet.
Der deutsche Begriff „Segen“ entspricht dem lateinischen „benedicere“, was so viel heißt wie gut von jemandem sprechen.
Im Christentum wird ein Segen üblicherweise mit einem Segensspruch und einer Geste wie Handauflegen oder Kreuzzeichen verbunden.
In der römisch-katholischen Kirche können Personen, Gegenstände und Orte gesegnet werden.
Wer getauft ist , darf auch segnen, meist jedoch übernehmen das Bischöfe oder Pfarrer. Sie beenden jeden Gottesdienst mit einem Segen.
Einer der bekanntesten Segenssprüche ist das apostolische „Urbi et Orbi“ – der Stadt und dem Erdkreis –, den der Papst traditionell an Weihnachten und Ostern spendet.
