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Bunte Signale für Toleranz und Freiheit

Oldenburg   Glitzer. Regenbögen. Seifenblasen. Musik. Orange Luftballons. Pailletten. Party. Selbstironie. Freude – Tränen. Am Ende des Regenbogens wartet nicht immer ein Topf voll Gold. Am Samstag warteten unter dem Regenbogen-Banner unzählige Menschen an der Ecke Stau/ Rosenstraße auf den Startschuss der Demonstration des 23. Christopher Street Days (CSD) Nordwest, welcher traditionell damit eingeläutet wird, dass symbolisch die Mauer der Homophobie durchbrochen wird.

Kein Preis ist den demonstrierenden (Umzugs-)Mitläufern zu hoch: ob in Korsetts geschnürt oder auf High Heels stolzierend. Christian trägt ein Kleid mit Reifrock und dazu einen geschätzt sechs Kilo schweren Hut. Dieter übertrumpft die High Heels; er schwebt einen halben Meter über der Asphaltdecke auf Stelzen durch die Menge.

Der Rhythmus der Trommler und die Musikanlagen der fahrenden Wagen animieren dazu, sich dem Tross tanzend anzuschließen. Unter anderem zu „Y.M.C.A.“ von „Village People“. Natürlich!

Der Weg führt das Heer der Toleranz – mehr als 15 000 Menschen – durch die Adern der Stadt über den Stau zum Pferdemarkt. Von hieraus in Schleifen zum Julius-Mosen-Platz und zum Lappan, wo Spitze und Schlusslichter der Kolonne aufeinander treffen. „Das gab es bislang noch nie“, bilanziert Kai Bölle vom CSD-Organisatoren-Team später.

Vom Lappan aus führt der Weg zum Herzen der Stadt. Auf dem Schlossplatz folgt nach über zwei Stunden und über drei Kilometern die Abschlusskundgebung. Thomas und Clemens vom CSD-Team begrüßen die Menschen, ein Gebärdendolmetscher übersetzt simultan. Nach dem Augenspektakel des Umzugs und vor den Ohrenfreuden der folgenden Konzerte steht der politische Gedanke des CSD im Vordergrund: „Mein Ja habt Ihr! Leider sitze ich aber nicht im Bundestag“, sagt Jürgen Krogmann ins Mikrophon.

Die Rechte Homosexueller haben sich in den vergangenen Jahren in Deutschland gebessert, allerdings soll der Stein weiterrollen; die Ehe ist immer noch der Konstellation Mann-Frau vorbehalten. „Wir wollen auch romantisch fragen dürfen: ,Willst du mich heiraten?‘ Und nicht: ,Willst du dich mit mir verpartnerschaften?‘“, drückt Clemens einen Wunsch der Versammelten aus.

Dann treten ein paar junge Männer auf die Bühne. Sie kommen aus Bremen zum CSD Oldenburg, um ein Forum zu haben, denn sie sind meist in der Minderzahl: Sie sind homosexuell und mussten deshalb aus ihren Heimatländern flüchten. Renato stammt aus Montenegro, in Bremen hat er Pavel aus Russland kennen und lieben gelernt. Die beiden jungen Männer werden sich in einem Monat ,verpartnerschaftlichen‘. Die Barrieren, die ihnen im Alltag begegnen, sind enorm und die Sprache ist dabei die geringste. Sie haben Angst, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, besonders Landsmänner haben für ihre Liebe kein Verständnis. Aber sie kämpfen. Renato hat Tränen in den Augen. Tränen, weil er diesen Kampf führen muss, gegen jene, die sich anmaßen, sein Glück zu verurteilen. Tränen der Erleichterung, weil er endlich aussprechen kann, was ihn bewegt.

Und so sind es unzählige Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Schüler wie Senioren, Extro- wie Introvertierte, Neulinge wie CSD-Profis.

Dabei fing diese Veranstaltung vor 23 Jahren klein an: Vielleicht 500 Menschen und fünf Bollerwagen, erinnert sich Nele. Inzwischen ist der CSD-Umzug eine Tradition, so dass alljährlich im Juni das nachgeholt wird, was Oldenburg zugegebenermaßen zur Karnevalszeit vermissen lässt.

Neben all der Show bietet die bunte Parade aber auch für einige die seltene Chance, sich einmal im Jahr im öffentlichen Raum frei zu fühlen.

Wenn seine Kollegen nach dem Wochenende fragen, habe er etwas mit seiner Frau Simone unternommen, erzählt ein in Kleid geschnürter und geschminkter Mann und verrät: „Simone gibt es tatsächlich gar nicht, aber ich arbeite im Handwerk und dass ich anders liebe, ist in meiner Branche ein Tabu.“ Und genau damit es keine Unterscheidung mehr gibt, kein „andersliebend“, sondern schlicht „liebend“, ist der Tag so wichtig.

„Nach dem CSD ist vor dem CSD“, lacht Kai Bölle. Er freut sich über die Teilnahme vieler Menschen und mehr noch über die Bollerwagen der Schülerschaften als über die pompösen Lkw.