Schönemoor - Wenn in Schönemoor die Glocken läuten, steht Gabriele Mühlbrandt auf der Empore der St.-Katharinen-Kirche und zieht an einem dicken Tau. Durch eine Öffnung in der gewölbten Decke führt es zur Glocke im Kirchturm. Bei Gottesdiensten, Trauungen und Beerdigungen ist die Küsterin fünf Minuten vor Beginn zur Stelle, um die Glocke von Hand zu läuten. „Aber wehe, es wird außer der Reihe geläutet“, sagt sie. Dann sei man in Schönemoor beunruhigt.
Ein Tau für die Glocke
Neben dem dicken Tau hängt ein dünneres Band. „Das ist die Vater-unser-Glocke“, erläutert Gabriele Mühlbrandt. Nach einem genau festgelegten Ablauf muss die Küsterin die Glocke im Turm betätigen, während die Gemeinde das Gebet spricht. Dass das Glockenläuten noch von Hand erfolgt, ist nur eine der vielen Besonderheiten in der St.-Katharinen-Kirche in Schönemoor. In den 700 Jahren seit ihrer Weihe am 13. Dezember 1324 haben sich dort Geschichten und Zeugnisse aus der Vergangenheit angesammelt.
Die Pastorenstelle in Schönemoor soll nach Angaben der Stenumer Pastorin Julia Klein voraussichtlich zum 1. Juli wieder besetzt werden. In der öffentlichen Sitzung des Gemeindekirchenrats am Montag stellte sich Lisa Bock vor. Sie absolviert zurzeit ein Vikariat in den ev.-lutherischen Kirchengemeinden Altenesch-Lemwerder und Bardewisch. Laut Julia Klein ist geplant, dass sie nach dem zweiten Examen ihren Probedienst in der ev.-luth. Kirchengemeinde Ganderkesee und Schönemoor beginnt.
Das 700-jährige Bestehen der St.-Katharinen-Kirche wird in den kommenden Monaten mit Konzerten, einem Gemeindefest und Festgottesdiensten begangen. Außerdem hat sich ein Projektchor gegründet. Die Sängerinnen und Sänger studieren die Katharinen-Kantate ein, die Kantor Ralf Mühlbrandt anlässlich des 675. Bestehens der Kirche komponiert hatte. Das Werk soll am 3. Oktober aufgeführt werden.
Das wohl außergewöhnlichste Stück ist ein Ablassbrief aus dem Mittelalter. Das aufwändig verzierte Dokument wurde am damaligen Sitz der Päpste in Avignon ausgestellt. In Schönemoor versprach es Kirchenbesuchern, dass sie mit Spenden oder Gebeten nach ihrem Tod 40 Tage weniger im Fegefeuer büßen mussten. Eine Kopie des Ablassbriefs hängt im sogenannten Kinderhaus der Kirche. Das Original werde in einem klimatisierten Raum im Staatsarchiv in Oldenburg aufbewahrt, berichtet Gabriele Mühlbrandt. Sie und andere Mitglieder der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Schönemoor konnten es dort einmal besichtigen. „Wir haben ehrfürchtig davor gestanden.“
Pilger hinterlassen Spuren
In der Kirche mit ihrem Kreuzgewölbe und den vielen Malereien scheint das Mittelalter noch greifbar zu sein: „Ich stehe hier manchmal sonntags und denke, vor 700 Jahren waren hier auch schon Leute und haben dasselbe gemacht“, sagt die 59-jährige Küsterin.
Die St.-Katharinen-Kirche in Schönemoor wurde vor 700 Jahren geweiht.
Antje Rickmeier
Ein Grabstein auf dem Friedhof in Schönemoor erinnert an Major John Strother Ker aus Schottland.
Antje Rickmeier
Küsterin Gabriele Mühlbrandt zeigt Kratzspuren, die Pilger hinterließen.
Antje Rickmeier
Ein Ablassbrief aus dem Mittelalter versprach 40 Tage weniger Fegefeuer.
Antje Rickmeier
Küsterin Gabriele Mühlbrandt läutet die Glocke der Kirche von Hand.
Antje Rickmeier
700 Jahre St.-Katharinen-Kirche Schönemoor
Antje Rickmeier
Eine Deckenmalerei zeigt die Heilige Katharina von Alexandrien (rechts), nach der die Kirche benannt wurde.
Antje Rickmeier
Auch Kirchenmäuse leben in der St.-Katharinen-Kirche Schönemoor.
Antje RickmeierDie Kirchgänger kamen damals nicht nur aus der Umgebung. Das Gotteshaus, dessen Vorläufer bereits um 1230 erwähnt wurde, war ein Wallfahrtsort auf dem Weg zwischen Norwegen und dem spanischen Santiago de Compostela und zog Pilger von Weither an. Noch heute sind ihre Kratzspuren auf der Rückseite des Altarraums zu sehen. „Sie haben etwas vom Mauerwerk abgekratzt und es mitgenommen oder in einem Getränk zu sich genommen“, sagt Gabriele Mühlbrandt. „Es sollte eine heilende Wirkung haben.“
Wohnraum für Kirchenmäuse
Der Altarraum sei der älteste Teil der Kirche, berichtet die Küsterin. Er wurde wohl schon vor der Einweihung errichtet und genutzt. In die Wand eingelassen ist ein Fach, in dem früher das Abendmahlsgeschirr aufbewahrt wurde. Außerdem gibt es hinter dem Altar zwei niedrige Türen, die bis heute die Neugier von Kindern wecken. „Da wohnen die Kirchenmäuse“, habe der frühere Pastor Johann-Philipp Nicolaus ihnen erzählt. Und das stimmt tatsächlich: Konfirmanden bastelten für die Fächer hinter den Türen eine kleine Welt für die Kirchenmäuse. Bäume, ein Bett und einen Kleiderschrank gibt es dort. Und Mäuse natürlich auch: „Die Töpfergruppe hat sie gemacht“, sagt Gabriele Mühlbrandt.
Nicht nur die alte Kirche, auch der idyllisch gelegene Friedhof ist voller Geschichten: Ein Grabstein mit englischer Inschrift erinnert dort an den britischen Major John Strother Ker, der 1795 einen tragischen Tod fand. Auch das Grab des früheren Pastors Sibo Kunstreich befindet sich dort. Er ging als „Ganovenpastor“ in die Kirchengeschichte ein, weil er sich um Straftäter und Jugendliche aus einem schwierigen Umfeld kümmerte.
