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Stedingsehre Abends Brote für die Gefangenen

Karsten Kolloge

Bookholzberg - Die Geschichte von Stedingsehre, so sagen die beiden Gästeführerinnen Lisa Dirks und Inge Meyer, sei wie ein riesiges, in großen Teilen noch unbekanntes Mosaikbild. „Manchmal findet man Steinchen.“ Auch am Donnerstag war das so: Als Zeitzeuginnen berichteten Hilde Truels und Gertrud Wachsmann dem Arbeitskreis Stedingsehre, wie sie auf dem Gelände als Kinder eine dunkle Zeit in der deutschen Geschichte erlebten – die des Zweiten Weltkriegs.

Hilde Truels, Jahrgang 1930, und Gertrud Wachsmann, Jahrgang 1937, sind Töchter von Heinrich Gramberg, der seit 1939 vom NS-Regime als Verwalter auf Stedingsehre eingesetzt war. Die fünfköpfige Familie bewohnte das Verwalterhaus nahe der Bahnlinie.

Schon am Eingangsbereich des heutigen BFW-Geländes zeigte sich, wie präsent die Erlebnisse bei Hilde Truels geblieben sind: Dort, in Höhe des Turms am Grenzweg, so zeigte sie, habe früher eine Baracke gestanden. Wohl so etwa 100 russische Kriegsgefangene, die bei Landwirten oder nach Fliegerangriffen zu Reparaturen an der Bahnlinie eingesetzt waren, seien dort untergebracht gewesen.

Melancholische Lieder

„Abends bin ich mit dem Tablett rübergegangen“, zwei Scheiben Brot, etwas Fett, etwas Wurst habe es für jeden gegeben. Mitunter habe sie gelauscht – fasziniert von den so melancholischen Liedern der Gefangenen.

Weil das Verwalterhaus über einen Luftschutzkeller verfügte, wurde es bei Fliegerangriffen zum Zufluchtsort. „So etwa 20 Leute“ hätten sich da im Keller gedrängt.

Ganz genau erinnert sich die heutige Hoykenkamperin auch an die Einnahme von Bookholzberg durch kanadische Truppen im April 1945. Mit einem Fernglas hätten die Schwestern aus einem oberen Fenster zugeschaut – und wurden dabei auch gesehen. Bei der späteren Einnahme des Stedingsehre-Geländes hätten Soldaten die Herausgabe des Fernglases verlangt.

„Sie haben uns rausgeschmissen“, erinnert sich Hilde Truels, die, „mit einer Matratze“, bei Schlachter Jüchter Unterkunft fand. Die Schwestern und die Mutter (der Vater war seit 1942 eingezogen) fanden eine Notunterkunft im späteren Grüppenbührener Hof.

Der Arbeitskreis Stedings­ehre hielt die Berichte fest. Mitunter nähmen auch an den Landpartien über das Gelände Zeitzeugen teil, wissen Lisa Dirks und Inge Meyer aus Erfahrung. Die sind dann bei Anne-Grete Grummer richtig: „Ich gehe hinterher und schreibe auf.“

Steine geben Rätsel auf

Manche Zeitzeugen-Berichte, so sagte Inge Meyer, könne man nicht sofort richtig einordnen. So erinnert sie sich an die Begegnung mit einem Mann, der Anfang der 40er Jahre „riesige Stapel von Klinkersteinen“ am Wirtschaftsweg hinter dem alten Schwimmbad gesehen habe. Eine Akte im Staatsarchiv habe Licht in diese Sache gebracht: Das NS-Regime hatte noch zu Kriegsbeginn vor, auf dem Gelände eine protzige Gauschulungsburg zu bauen, um die eigene Ideologie zu verbreiten. Die „vielen hunderttausend Steine“ seien nach dem Krieg offenbar unter anderem für Reparaturen und Bauten in Bookholzberg verwendet worden.

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