Ahlhorn - Anfangs haben Eltern, Schüler und auch Lehrer gedacht, dass es nur eine Phase ist. Dass die Schulschließungen und die Corona-Auflagen von kurzer Dauer sein – und dass Schlagworte wie Homeschooling, Fernunterricht oder Videokonferenz vorübergehende Phänomene, aber sicherlich kein alltägliches Medium darstellen würden. Es ist anders gekommen. Und der stellvertretende Schulleiter des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums (DBG) in Ahlhorn, Jürgen Steffens, vermutet: „Wir müssen uns wahrscheinlich darauf einstellen, dass sich der Schulunterricht auch in der Zukunft maßgeblich verändern wird.“
Denn Corona wird nicht einfach verschwinden, die Auswirkungen lange nachhallen. „Und wer weiß schon, ob eine zweite Welle kommt?“, so Steffens. Er zuckt mit den Schultern. Jetzt ist die Schule vorbereitet. Alle Beteiligten haben festgestellt: Sie können voneinander lernen. Und außerdem: es gibt noch einiges zu tun.
Server nicht stabil
Der Verbot des Präsenzunterrichtes in Folge der Corona-Krise Mitte März sei für ihn sehr überraschend gekommen, gibt Steffens zu. Zuerst haben er und seine Kollegen versucht, den Unterricht über die Plattform „iserv“ aufrecht zu erhalten. „Das war nicht erfolgreich. Der Server brach oft zusammen, wir mussten aufrüsten“, erinnert sich Steffens. Alle seien überfordert und unstrukturiert gewesen. „Schüler und auch Lehrer mussten sich an die Situation gewöhnen und einen Rhythmus finden. Versuchsweise sei deshalb zuerst die Oberstufe auf das Programm „Microsoft Teams“ umgestiegen. „Dort sind Videokonferenzen möglich, außerdem kann man Ordner mit Notizheften anlegen und chatten“, berichtet Lea Uffelmann (17), eine der Schülervertreterinnen. Trotzdem sei das Lernen gerade zu Beginn wegen Unübersichtlichkeit holprig gewesen, wie Klassenkamerad Tim-Luca Riedemann (17) ergänzt. Auch er engagiert sich in der Schülervertretung.
Eine Zukunftsaufgabe, das weiß Jürgen Steffens schon jetzt, wird es sein, die Technik aufzurüsten. Im Rahmes des Digitalpakts des Landes stellt Niedersachsen den Schulträgern weiteres Geld zur Verfügung. 30 weitere Laptops wird das DBG davon anschaffen – und Schülern, die keinen eigenen besitzen, ausleihen. „Eventuell brauchen wir die nach den Sommerferien auch ganz dringend“, so der stellvertretende Schulleiter. Er ist froh, dass jetzt alle Beteiligten erst einmal durchatmen können. „Alle Routinen, die wir kannten, funktionierten nicht. Das Kollegium ist ziemlich ausgelaugt.“ Inzwischen hätte sich alles eingespielt, „und macht richtig Spaß“.
Stundenplan für Homeschooling
Und wie sieht der Tagesablauf aus? „Wir haben einen festen Stundenplan eingerichtet, die Klassen aufgeteilt und Präsenz- sowie Online-Kurse abgewechselt“, geht Steffens ins Detail. Und er fügt hinzu: „Unser Stundenplan-Koordinator hat Höchstleistungen vollbracht.“ Denn neben den neuen technischen Herausforderungen galt es, auch Lehrer, die zur Risikogruppe zählen, lediglich für den Fernunterricht einzuplanen, Schüler, die selbst gefährdet sind oder ein gefährdetes Familienmitglied haben, weiterhin mit Material zu versorgen und keine Überschneidungen zu riskieren. Wege im Gebäude sind vorgezeichnet. Alle tragen Masken. Normalität ist hier noch lange nicht in Sicht.
Eine Umfrage, die die Schülervertretung an Eltern, Schüler und auch Lehrer verschickt hat, zieht ein Fazit der vergangenen vier Monate. „Wir haben viele positive Rückmeldungen zum Online-Lernen bekommen“, fasst Tim-Luca Riedemann zusammen.
Medien polarisieren
Denn manche Schüler hätten Zuhause konzentrierter arbeiten können als im Klassenverband. „Vor allem zurückhaltende Schüler konnten gut aufholen“, hat Tim-Luca Riedemann rückgemeldet bekommen. Andere wiederum fühlten sich allein gelassen, besonders dann, wenn Eltern weiterhin arbeiten gehen mussten und als Ansprechpartner nicht zur Verfügung standen. Auch Steffens weiß: „Medien polarisieren. Schüler, die sowieso stark sind, werden tendenziell besser. Schwächere Schüler werden abgehängt.“ Daran sei auch die derzeit noch mitunter mangelhafte Ausstattung Schuld – beziehungsweise die Unterschiede in den Haushalten. Doch die Stundenpläne, das kam bei der Befragung auch heraus, haben geholfen, eine verlässliche Tagesstruktur aufrecht zu erhalten – auch für die Eltern.
Die Sommerferien enden am 26. August. Ob Schülerinnen und Schüler danach wieder vergleichsweise normal zur Schule gehen können, soll erst kurzfristig zwei Wochen vorher entschieden werden – je nach derzeitigem Infektionsgeschehen. Ziel ist „die Wiederaufnahmen des Unterrichts“, so das Land.
Falls die Infektionszahlen wieder ansteigen, setzt das niedersächsische Kultusministerium aktuell auf eine Kombination aus Präsenzunterricht und Lernen zu Hause. Im Zweifel könnte es laut Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) auch wieder zu vorübergehenden Schulschließungen kommen.
Schule statt Zocken?
Steffens hat ein weiteres Phänomen beobachtet. „Es fällt vielen schwer, auf dem Medium, was sie sonst zum zocken und Freizeitvergnügen nutzen, plötzlich konzentriert für die Schule arbeiten zu müssen.“ Zudem sei das Wlan manchmal wacklig gewesen. „Wir mussten viel lernen“, so Steffens. Das sei phasenweise „ein wenig schmerzhaft“ gewesen.
Aber er kann noch lachen. „Es ist auch klasse, wie rapide der Lernzuwachs war – und zwar auf allen Seiten.“ Er finde es bemerkenswert, wie gut sich inzwischen alles eingespielt habe. Inzwischen haben Lehrer und Schüler Routinen entwickelt und sind schnell geworden in dem Handling der neuen Technik. Sie freuen sich trotzdem darauf, wenn sie eines Tages wieder „normal“ in die Schule gehen können.
