Ganderkesee - Lieferengpässe bei Medikamenten machen Apothekern auch in der Gemeinde Ganderkesee zu schaffen. Weil Schmerzmittel, Blutdrucksenker oder Augentropfen schwer zu bekommen sind, müssen sie mehr Geld in die Hand nehmen, Vorräte nach Möglichkeit vorsorglich aufstocken und bei Kunden für Verständnis werben, wenn diese auf Medikamente länger warten müssen.
Christopher Oltmanns führt zurzeit häufiger Telefonate mit Großhandlungen und Herstellern, um ausreichend Medikamente zu ordern. „Das frisst natürlich einiges an Zeit“, sagt der Schierbroker Apotheker. Um etwaige Lieferengpässe zu überbrücken, habe er jetzt die für zwei Wochen kalkulierten Vorräte verdoppelt. Auch Thomas Beck von der Ring-Apotheke in Ganderkesee bestellt inzwischen bei drei statt ein bis zwei Großhändlern, um wenigstens bei einem fündig zu werden. „Da zahl ich zwar mehr, bin aber besser lieferfähig und kann das ausgleichen.“
Notfalls selbst herstellen
Fiebersäfte wie Paracetamol und Ibuprofen waren Oltmanns zufolge besonders im August knapp. „Jetzt sind wir einigermaßen versorgt. Dass wir genug haben, will ich aber nicht sagen.“ Das hat auch mit einer wachsenden Nachfrage aus dem Umland zu tun: „Es kommen Delmenhorster Familien zu mir, die sagen: Ganz Delmenhorst hat kein Paracetamol.“
Bei ausbleibenden Lieferungen können Apotheken Medikamente zum Teil auch vor Ort produzieren. Peter Bertram, Inhaber der Avie Apotheke in Ganderkesee, stellt etwa Ibuprofensaft für Kinder selbst her. Für die Patienten seien diese im Geschmack aber „nicht so angenehm bei der Einnahme“.
Alternativen
Thomas Beck beschränkt sich bei der Eigenproduktion hingegen auf Zäpfchen und Augentropfen, wie er sagt, für die Fiebersaftherstellung fehle ihm das Personal. Auch Oltmanns stellt bislang noch keinen Fiebersaft selbst her, auch weil Rohstoffe dafür nicht immer vorrätig seien. Notfalls werde man das aber hinbekommen, ähnlich wie zu Beginn der Pandemie: „Vor zwei Jahren haben wir Desinfektionsmittel gemacht, diesen Winter eben Fiebersaft.“
Meistens können die Apotheken bei ausbleibenden Lieferungen auf Alternativen zurückgreifen. Bei Blutdrucksenkern etwa gebe es viele Lieferfirmen, sagt Beck – anders bei billigen und damit für Pharmakonzerne unrentablen Medikamenten wie Paracetamol. Schwierig zu ersetzen seien auf Unverträglichkeiten abgestimmte Medikamente, so Bertram.
Erklärarbeit leisten
Die Patienten zeigen mehrheitlich Verständnis für die Situation. „Da ist ein Gewöhnungseffekt“, sagt Beck. „Seit dem Krieg in der Ukraine ist der Tenor: Hauptsache, wir kriegen was.“ Oltmanns räumt ein: „Manche sind noch an die Es-gibt-alles-Zeiten gewöhnt.“ Diesem Personenkreis müsse er Zusammenhänge erklären, etwa, was eine nach Asien ausgelagerte Medikamentenherstellung oder ein zeitweise geschlossener Suezkanal für hiesige Apotheken bedeute. „Das ist alles Arbeit, die kann und will nicht jeder Apotheker leisten, was ich so höre.“
Derweil könnte sich der Medikamentenmangel mittelfristig verschärfen, wenn noch mehr Präparate betroffen sind. „In drei bis vier Jahren haben wir ein großes Problem“, mutmaßt Beck. Bertram verweist auf eine Vielzahl von Einflussfaktoren: von pandemiebedingt unterbrochenen Lieferketten bis zu kriegsbedingt ausbleibender Produktion pflanzlicher Rohstoffe in der Ukraine. Abzuwarten bleibe auch, wie sich die Energiekrise im anstehenden Winter auswirke.
