Ostrittrum/Wesermarsch - Thomas Homm ist fassungslos. „Ach du meine Güte“, reagiert der Elsflether Pilzsachverständige bestürzt, als er im Gespräch mit unserer Redaktion erfährt, dass eine Mutter aus Berne (Landkreis Wesermarsch) kürzlich Grüne Knollenblätterpilze zu sich genommen hat. Die 30-Jährige überlebte die verhängnisvolle Verwechslung mit einem Champignon (wie berichtet) nur dank einer raschen Lebertransplantation.
Pilzsachverständige
Die erste Anlaufstelle zur Beratung sollten Experten wie Thomas Homm sein. Die Pilze sollten idealerweise in einem Korb und nicht als Fotos mitgebracht oder eingeschickt werden. Die meisten Pilzsachverständigen sind bei der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (DGfM) geführt, im Internet unter www.dgfm-ev.de. Unter Umständen ist eine Region „unterversorgt“ und die Pilzsammler müssen weite Wege für die Beratung in Kauf nehmen.
Im Landkreis Oldenburg sind Dafni und Michael Toutziaridou aktiv: Die beiden Ostrittrumer sind seit 2007 ehrenamtlich als Pilzsachverständige der DGfM tätig. Sie bieten Pilzlehrwanderungen beispielsweise im Hegeler Wald oder auf dem Huntepadd an. Zudem stehen sie für das Giftinformationszentrum Nord in Vergiftungsverdachtsfällen zur Verfügung. „Es erstaunt uns immer wieder, dass jemand, der sich mit der Materie nicht auskennt, Pilze konsumiert“, sagt Michael Toutziaridou. „Wenn Leute Pilze und Beeren für den Konsum sammeln wollen, sollten sie am besten einen Kurs belegen – oder zumindest mit einem Fachkundigen nach draußen gehen und sich die Basics erklären lassen. Das ist nicht schwierig. Das ist einfach ein Lehrfach.“
Steckbriefe
Damit sich Personen im Zweifelsfall einen langen Weg sparen können, hat die DGfM einen Steckbrief zum Grünen Knollenblätterpilz angefertigt – und zwar nicht nur in deutscher Sprache. Der Verein stellt diese Hilfe auf der Homepage zur Verfügung. Eine mögliche Ursache für die Pilzverwechslung der Frau aus Berne kann nach Meinung von Thomas Homm deren Migrationshintergrund gewesen sein. Homm berichtet von Erfahrungen mit Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft zu wenig Berührungspunkte mit giftigen Pilzen hatten, weil die Aufklärung in den anderen Ländern schlichtweg vernachlässigt wird oder die gefährlichen Pilze Ähnlichkeit mit harmlosen Exemplaren aus der Heimat haben.
Pilz-Apps
Fotografiert können Pilze anders aussehen als in der Realität. Toutziaridou rät deshalb davon ab, auf Google und Handy-Apps zurückzugreifen: „Es gibt Sachen, die man nicht googeln kann.“ Immer mehr Kursteilnehmer würden versuchen, Pilze mithilfe von Apps zu bestimmen. „Es ist hanebüchen, was dabei herauskommt“, kritisiert er die Ungenauigkeit der Programme. Jede Pilzart habe eine Art Doppelgänger, der ihr ähnlich sehe. Dass es in den vergangenen Jahren zu mehr Notrufen kam, habe Toutziaridou nicht feststellen können. Die Notrufe seien eher witterungsbedingt: Pilze kämen vor allem nach Regen aus dem Boden. „Kleine Kinder sind dann auf dem Rasen unterwegs und stecken sich welche in den Mund.“
Das Giftinformationszentrum Nord in Göttingen (Tel. 0551/19240) hilft telefonisch in akuten Fällen. Die aktuelle Methode bei einer Amanitin-Vergiftung ist die Verabreichung von Mariendistelextrakt. Das Gift des Grünen Knollenblätterpilzes ist in Methanol zwar löslich. Methanol sollte aber niemals getrunken werden, da das ebenfalls zum Tod führen kann.
