Rhade - Was macht es mit einem, wenn man nach Jahrzehnten seine eigenen Tagebücher liest? Vor der Beantwortung dieser Frage stand die bekannte Journalistin, Talkmeisterin und Autorin Bettina Tietjen, als sie ihre neun Tagebücher aus der Zeit des kritischen politischen Aufbegehrens und der „Atomkraft? Nein Danke“-Bewegung las. Heraus kam dabei ihr Buch „Früher war ich auch mal jung“, das sie jetzt bei einer Lesung im Veranstaltungshaus „Kultur hinterm Feld“ in Rhade vorstellte und mit ihrem heutigen Leben verglich.
Selbsterkundung
Darin schildert sie, wie sie sich selbst im Alter von 14 Jahren politisch positioniert, auf der Suche nach Liebschaften und Lebensglück ist und sich vom streng gläubigen Elternhaus abnabelt. Verbunden sind damit Träume, Ideale und Ängste einer Jugendlichen, die Bettina Tietjen im Alter von heute 63 Jahren als Selbsterkundungstour ihres eigenen Ichs durchlebt.
„Meine Tagebücher von damals musste ich erst einmal suchen. Das war nicht einfach“, beschreibt die Autorin die Anfänge zu ihrer Zeitreise durch ihre Tagebücher. Auf der Leinwand hinter ihr auf der Bühne tauchen immer wieder Bilder aus der Jugendzeit auf. Als die Bücher in ihren Händen lagen, kamen gut gemeinte Ratschläge von Kollegen wie Barbara Schöneberger und Ina Müller, wie „es lieber nicht zu tun“ oder „im Leben muss man vorwärts- und nicht rückwärtsgehen“. Bettina Tietjen: „Manche Dinge versteht man aber nur, wenn man sie sieht, wie sie mal waren. Also schrieb ich dazu das Buch und lernte mein eigenes Ich Tag für Tag und Jahr für Jahr kennen.“ Mal zu Tränen gerührt, mal hochmütig und euphorisch – eben die Welt einer heranwachsenden Frau, die ihren Weg suchte und fand.
„Fernsehen hatten wir zuhause nur wenig. Das wollten meine Eltern so. Außerdem fand ich es auch einfach nicht wichtig. Ich schrieb Sorgen in das Tagebuch, auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und einem netten Jungen. Wenn ich ihn fand, dann habe ich ihn aber auch schnell wieder vergrault, weil ich es nicht zugeben wollte, dass keiner so richtig zu mir passte, wie ich meinte“, erzählt die Autorin.
Pausen für innere Ruhe
10. Mai 1974: Der Eintrag zeigt eine zerstörerische Welt auf. Von Bombendrohungen ist die Rede, Wettrüsten, Kriegsgefahr. „Ich muss etwas tun“, ist die 14-Jährige mit Tatendrang erfüllt. Die größte Aufgabe sei es, die Welt zu retten. „Vergleicht man damit heute die Schreckensnachrichten vom Krieg in der Ukraine, ist das gar nicht so viel anders. Wie damals erfüllt mich das mit Angst und Unbehagen“, so die Autorin.
Pausen für Abstand
Ganz anders ein Eintrag im Juni 1976: „Ich bin ganz zufrieden, wenn man sich um all den Dreck in der Welt nicht kümmert.“ Heute ergehe es ihr auch als Journalistin ähnlich: „Ich brauche immer wieder kurze Pausen für Abstand zum Zeitgeschehen, um die innere Ruhe zu entdecken.“
Nach der Pause mit Autogrammstunde liest Bettina Tietjen weiter aus ihren Tagebüchern vor. Es wird deutlich, wie sich das Leben aus ihrer jugendlichen Sicht damals weiter entwickelte und schließlich zu dem gemacht hat, was sie heute in der TV- und Rundfunkwelt ist.
