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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Bildung

Familienbande siegen über ihre Angst

11.08.2018

Ganderkesee /Bookholzberg Familie Natafji aus Syrien ist seit zwei Jahren in Ganderkesee zuhause. Die vier Kinder besuchen hier und in Bookholzberg die Schule, die Familie fühlt sich wohl. Und doch lässt Damaskus sie nicht los: Die sechsköpfige Familie hat sich entschlossen, nach Syrien zurückzukehren – obwohl sie es nicht muss. Als anerkannte Flüchtlinge haben die Natafjis eine Aufenthaltsgenehmigung für zunächst drei Jahre.

Familie gut integriert

Ende 2015 flohen die Eltern mit ihren Töchtern Sedra (16), Laian (12), Rinad (8) und Dana (6) vor dem Krieg aus Damaskus. Issam Natafji (42) hat den Schritt nicht bereut, der Familienvater arbeitet als Frisör in Delmenhorst, sein Deutsch wird immer besser, er hat Anschluss gefunden. Auch der Rest der Familie fühlt sich wohl, alle haben Freunde gefunden, verstehen sich mit den Nachbarn. Alle Töchter sprechen gut Deutsch, die älteste, Sedra, gehört zu den Klassenbesten an der Oberschule in Bookholzberg. Sedras Ziel ist, Medizin zu studieren, sie will Ärztin werden. „Hier sind ihre Chancen besser, weil die Bildung besser ist als in Syrien“, sagt ihr Vater.

Und doch wird die Familie an diesem Sonntag in Düsseldorf in ein Flugzeug steigen und freiwillig nach Damaskus zurückkehren. Die Gründe sind sehr persönlicher Natur: „Ich würde gerne bei meiner Mutter sein, sie ist schwer krank“, sagt Issams Frau Souzan Alhayat. Da die Familie eine Aufenthaltserlaubnis hat, darf Souzan Alhayat nicht einfach nach Syrien fliegen – nur, wenn damit die freiwillige Ausreise einhergeht. Die kranke Mutter der 36-Jährigen nach Deutschland zu holen, hat nicht geklappt. Doch Souzan Alhayat befürchtet, dass die Zeit drängt: Ihre Mutter hatte einen Herzinfarkt, ihr Blutdruck ist zu hoch – die Gefahr ist groß, dass sie verstirbt.

Ein seltener Fall

Die Familie Natafji als aufenthaltsberechtigte und dennoch ausreisewillige Familie ist ein sehr seltener Fall. In der Regel entschließen sich sonst Geflüchtete, die keinen Asyl- oder Schutzstatus haben und aus verschiedenen Gründen noch geduldet sind, zu einer freiwilligen Ausreise. Reisebeihilfen oder Starthilfen in der Heimat dienen dabei als Anreize.

Zurzeit halten sich im Landkreis Oldenburg nach Angaben aus dem Kreishaus 178 geduldete Personen auf. Rund 40 Geduldete seien in den letzten zwölf Monaten freiwillig ausgereist. 18 Personen wurden im gleichen Zeitraum abgeschoben, bei etwa ebenso vielen schlug die Abschiebung aus diversen Gründen fehl. Sechs Menschen, die abgeschoben werden sollen, befinden sich kreisweit im Kirchenasyl.

Souzan Alhayat telefoniert fast jeden Tag mit ihrer Mutter und ist traurig. „Mir geht es schlecht, weil ich nichts für sie machen kann“, sagt sie. „Hier ist es schön und wir haben gute Unterstützung bekommen. Aber man fühlt sich nie so zuhause wie bei der Familie“, sagt Souzan Alhayat.

Dass eine Flüchtlingsfamilie, die eine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland erhalten hat, freiwillig zurückkehrt, komme im Landkreis Oldenburg ganz selten vor, betont Sonhild Lindemann, Ordnungsamtsleiterin in der Kreisverwaltung. Auch die Familie Natafji erhalte aber Unterstützung aus den Programmen der Internationalen Organisation für Migration.

Als die Familie aus Syrien floh, war es in Damaskus gefährlich. Jetzt ist es ruhiger, aber der Krieg ist immer noch da, das ist Eltern und Kindern klar. Ihr Haus, das sie vor fast drei Jahren verlassen haben, steht noch, so viel wissen sie. Aber alles wurde geplündert, die Wohnung ist leer. Issam Natafji, Souzan Alhayat und ihre Töchter müssen sich ein neues Leben aufbauen – wie sie es vor gar nicht allzu langer Zeit in Ganderkesee schon taten.

Schwierige Entscheidung

Issam Natafji würde eigentlich lieber hier bleiben, aber „Familie ist am wichtigsten“. Deswegen hat er mit seiner Frau entschieden, nach Damaskus zurückzukehren. „Es war eine sehr schwierige Entscheidung, schwieriger noch, als Syrien damals zu verlassen, da hatten wir keine andere Möglichkeit“, sagt er.

Freunde, Klassenkameraden und Kollegen sind von der Entscheidung überrascht. Auch Sandra Baba, die als Flüchtlingskoordinatorin der Diakonie die Familie seit ihrer Ankunft in Ganderkesee begleitet, ist sich nicht sicher, ob die Entscheidung die richtige ist. Es sei auf jeden Fall ein mutiger Schritt und „das ist ihre eigene Entscheidung. Die Familie hat viele Freunde hier, und die angekündigte Rückkehr war für alle eine Überraschung, weil sie hier so viel geschafft haben“, sagt Baba. Gerade die Kinder hätten sich in der Gemeinde Ganderkesee gut integriert.

Aber die Entscheidung steht fest, die Koffer sind gepackt. An diesem Sonntag, 12. August, wird die Familie sich nachts auf den Weg nach Düsseldorf machen. Von dort geht es dann mit dem Flugzeug über Teheran (Iran) nach Damaskus. Um erneut ein neues Leben zu beginnen.

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