• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Markt
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Events
  • Tickets
  • nordbuzz
  • FuPa
  • Kontakt
  • Werben
NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Bildung

Ein harter Kampf um Plätze an der Regelschule

18.07.2015

Ganderkesee „Seit 2008 gilt die UN-Konvention zur gleichberechtigten Teilhabe an allen Bereichen der Gesellschaft“, sagen Ulrich Schober und seine Frau Elke Pabst, „aber die meisten Schulen lassen sich nicht darauf ein. Das ärgert uns unwahrscheinlich.“ Ihre zwei Söhne Lars und Ole (beide elf Jahre alt) haben eine beinbetonte Spastik. Das heißt: Sie ziehen ihre Beine nach. Damit ihre Kinder eine Regelschule besuchen durften, also inklusiv beschult werden, musste die Familie aus Ganderkesee viele Hürden überwinden.

Als kleine Kinder konnten Ole und Lars nur krabbeln. Sie wurden in einer Spezialklinik in Vogtareuth (Bayern) operiert. Reha-Maßnahmen, zuletzt an der Uni-Klinik Köln, kamen dazu. Heute können die Zwillinge stehen und sich mit Hilfe von Gehhilfen oder Rollatoren fortbewegen. „Und wer steht, kann auch irgendwann laufen“, ist Ulrich Schober zuversichtlich.

Die Kinder kamen in den evangelischen Jona-Kindergarten, in die sogenannte Integrationsgruppe. Sie blieben dort ein Jahr länger, wegen der OP im Jahr 2009. Als die Eltern ihre Kinder dann zur Regelschule bringen wollten, bekamen sie Widerstand zu spüren. „Wir mussten alle überzeugen“, erzählen sie.

„Eine Gutachterin hat uns dringendst empfohlen, die Jungs nicht auf eine Grundschule zu schicken“, berichtet Schober. Im Grunde habe die Expertin nur Argumente gesammelt, warum es nicht klappen könne. Die Gutachterin empfahl, Ole und Lars zur Förderschule Borchersweg in Oldenburg zu schicken. Pabst: „Dort kommen alle hin, die nicht irgendwie normal sind.“ Im Übrigen widerspreche das dem Gedanken der Inklusion: „Unsere Jungs müssen sich später in der Welt zurechtfinden und können nicht unter einer Käseglocke leben“, sagt Ulrich Schober.

Also bahnte sich die Familie ihren Weg durch die Bürokratie, sprach mit Schulleitern, Sozialamt, Gemeinde. Bei Frank von der Aa, dem Schulleiter der Grundschule Dürerstraße, liefen sie quasi offene Türen ein. Gemeinsam legte man Widerspruch gegen die Empfehlung der Gutachterin ein. Es musste ein sonderpädagogisches Gutachten erstellt werden, in dem der Förderbedarf festgelegt wird. Das sind etwa vier Stunden pro Woche zusätzlich.

In einem gemeinsamen Gespräch mit dem damaligen Regierungsschuldirektor Klaus Kapell wurde der gordische Knoten durchschlagen: Ole und Lars durften in die Grundschule Dürerstraße; sie bekamen Förderstunden im Bereich Lernen. Auch andere Probleme wurden gelöst. Die Schule Dürerstraße hat mittlerweile eine Behindertentoilette. Die Klasse von Ole und Lars, die 4a, ist nicht in den ersten Stock gezogen, wie die übrigen vierten Klassen. Sie konnte im Erdgeschoss, mit dem Ausgang zum Schulhof bleiben. „Das ist eine sehr soziale Klasse“, freuen sich die Eltern. Viele Kinder helfen, tragen schon einmal den Ranzen der beiden.

Ole und Lars werden mit dem Taxi zur Schule gebracht. An der Schule warten bereits die Schulbegleiter, die sie während des Unterrichts unterstützen. Stundenweise ist auch Sonderpädagogin Wiebke Vörding dabei. Am Nachmittag machen die Eltern Schularbeiten mit ihren Jungs. Dann gehen sie ihren Hobbys nach: Ole spielt Tenorhorn, Lars erhält Klavierunterricht. Auch viele Freundschaften in Ganderkesee werden gepflegt. „Das wäre bei einem Besuch der Schule am Borchersweg nicht möglich“, sagt Elke Pabst, „Denn dort wären die Kinder bis zum späten Nachmittag.“

Elke Pabst und Ulrich Schober haben ihren Job, das Eiscafé Nepomuk, für ihre Kinder aufgegeben. „Ich will später in den Spiegel gucken können, wenn ich mich frage: Hast du alles für die Jungs gemacht“, sagt Ulrich Schober. Er ist vor allem Frank von der Aa und der Grundschule Dürerstraße für die große Unterstützung dankbar: „Die leisten dort Pionierarbeit in Sachen Inklusion.“ Rückendeckung gebe es aber auch von vielen Eltern.

Und wie geht es weiter? Gespräche mit Vertretern verschiedener Schulen wurden geführt. Nun wechseln die Kinder zur Integrierten Gesamtschule (IGS). „Die IGS ist eine Schule für alle“, sagt Ulrich Schober. Bis zum Wechsel nach Klasse 5 im Sommer müssen erneut viele Probleme gelöst werden, etwa der Fahrdienst. Seine Söhne haben sich derweil ein anderes Fernziel gesteckt: Sie wollen irgendwann einmal mit dem Fahrrad zur Schule fahren.