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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Bildung

Unterschiedliches Tempo, gleiches Ziel

06.05.2015

Ganderkesee Als Lehrerin Stefanie Murra den Klassenraum der 4a betritt, kommt Lars gleich freudestrahlend auf sie zu: „Ich muss Dir unbedingt etwas sagen“, platzt der Zehnjährige vor Stolz: „Ich habe gestern allein eine ganze Bahn im Schwimmerbecken geschafft.“ Lars ist, wie sein Zwillingsbruder Ole, körperlich eingeschränkt. Die Brüder haben einen festgestellten Unterstützungsbedarf und können ihren Schulalltag nur in Begleitung eines Integrationshelfers bewältigen.

Freies Wahlrecht für Eltern von Kindern mit Förderbedarf

In Niedersachsen ist die inklusive Schule, das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Handicaps, verbindlich eingeführt worden. Eltern von Schülerinnen und Schülern mit Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung erhalten ein Wahlrecht, ob ihr Kind die allgemeine Schule oder eine Förderschule besuchen soll. Die freie Wahl markiert einen Paradigmenwechsel, zu dem sich Deutschland 2009 durch die Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet hat.

In Zusammenarbeit mit dem Schulverbund Ganderkesee berichten wir in loser Reihenfolge über inklusiven Unterricht aus unterschiedlichen Perspektiven: Aus Sicht von Eltern mit Kindern, die einen Förderbedarf haben – oder auch nicht. Wir berichten über die Situation der Lehrkräfte, zeigen Fördermöglichkeiten und Chancen auf.

Ideen und Anregungen nimmt die Redaktion Ganderkesee gern unter Telefon   04222/8077-2741 oder per E-Mail unter red.ganderkesee@nordwest-zeitung.de entgegen.

Im Rahmen der inklusiven Beschulung sind nicht alle 24 Kinder der 4a „klassische“ Viertklässler: Maik und Emma haben eine Klasse übersprungen, zwei Kinder befinden sich im 5. Schulbesuchsjahr, haben also eine Klasse wiederholt. Auch Kinder mit einem Förderbedarf im Bereich Lernen gehören zur Gemeinschaft. Von außen betrachtet fällt das aber niemandem auf. „Eine Grundschulklasse ist heute etwas anders zusammengesetzt als noch vor Jahren“, sagt Frank von der Aa, Schulleiter der Grundschule Dürerstraße in Ganderkesee.

Heute beginnt Stefanie Murra (43), die sich die Klassenlehrerschaft mit Anne Berg (44) teilt, den Unterricht in der 4. Klasse. Die beiden Kolleginnen arbeiten sehr eng zusammen, können aber nur in wenigen Stunden die Klasse im Team unterrichten. Zuerst wird das „Guten-Morgen-Lied“ gesungen, anschließend der Tagesablauf besprochen und im Plan mit Bildkarten gesteckt. Die entstehende Unruhe wird durch ein Klangsignal beendet. Nun beginnt der Kunstunterricht. Die Klasse bespricht die Bilder mit Fliegenpilzen, die sie das letzte Mal gemalt haben. „Was war uns wichtig?“, fragt die Pädagogin. „Wir sollten Fliegenpilze von vorn und von hinten malen“, erklärt Mona die Perspektive. Valentin ist es wichtig, dass man nicht die Farbe aus dem Tuschkasten nahm, sondern mischen durfte. „Das ist euch gut gelungen“, lobt Murra.

Heute hat sie 24 weiße Tüten mitgebracht – für einen Kalender. Jedes Kind erhält eine Tüte. Sabrina Will, Schulbegleiterin von Lars, spitzt schon einmal die Buntstifte an. Ole ist noch nicht so weit. Betreuer Andreas Schröder hilft ihm, sein Fliegenpilz-Bild fertigzustellen. Drei Jungs arbeiten lieber auf dem Fußboden, um dort gemeinsam ihre Tüten zu bemalen. Die freie Wahl der Arbeitsplätze ist den Kindern erlaubt. Für jemanden, der Schule lange nicht erlebt hat, erscheint dies zunächst ungewöhnlich.

Lärmpegel steigt

Beim Aufräumen steigt der Lärmpegel. Auch für Klassenlehrerin Murra ist die Grenze überschritten. Um die Konzentration wieder für die folgende Doppelstunde Mathematik zu sammeln, legen alle Kinder den Kopf auf den Tisch und werden mucksmäuschenstill. Murra gibt die Zahl 32 000 vor. Die Kinder müssen jeweils 2000 dazu addieren. Wer die richtige Antwort nennt, darf leise durch den Raum schleichen und einen Mitschüler oder eine Mitschülerin antippen. Der- oder diejenige muss dann die Lösung nennen und darf weitergehen. Zwei Schüler haben zu diesem Zeitpunkt bereits das Klassenzimmer verlassen. Sie arbeiten in den kommenden zwei Stunden mit differenzierten Materialien. Für die erste Stunde erhalten sie von der Klassenlehrerin Aufgaben für den Zahlenraum bis 100, der Integrationshelfer beaufsichtigt und unterstützt sie bei der Bearbeitung. In der darauffolgenden Stunde arbeitet eine Kollegin mit diesen Schülern. Sie ist im Rahmen der Inklusion als Doppelbesetzung in der Klasse eingesetzt.

Für den Rest der Lerngruppe steht die Orientierung im Zahlenraum bis 100 000 auf dem Arbeitsplan. An 26 Stationen liegen laminierte Karten mit Mathe-Aufgaben. Sie tragen so wohlklingende Namen wie „Das Äffchen ist ratlos“ oder „Die Hexe hat die Zahlen verhext“. Dahinter verstecken sich Aufgabenstellungen auf unterschiedlichen Lernniveaus. Die Kinder können selbstständig entscheiden, in welcher Reihenfolge sie die Arbeitsaufträge erledigen. Zusammenarbeit mit einem Partner ist erlaubt. Allerdings müssen sich die Schülerinnen und Schüler anschließend kontrollieren lassen. Die Kinder können auch in Kleingruppen arbeiten. Julia, Lara, Emma und Sarah spielen Zahlen-Quartett.

Für den Außenstehenden zeigt sich: In den Kleingruppen wird weitestgehend selbstständig gearbeitet. Dies ist auf der einen Seite Lernziel der Grundschule, auf der anderen Seite wäre jedoch eine intensivere Unterstützung für einige Schülerinnen und Schüler wünschenswert. Die Schulbegleiter von Lars und Ole sind nicht dazu da, Wissen zu vermitteln oder Kleingruppen zu betreuen.

Doppelbelastung

Nach der zweiten großen Pause steht eine Doppelstunde Deutsch auf dem Stundenplan. Anne Berg ist schon etwas eher gekommen. Vor der Übergabe gilt es, mit der Kollegin noch einige Fragen zu klären. Die Deutschstunde beginnt mit allen Kindern gemeinsam. Im Sitzkreis liegen Wortkarten, die von den Schülerinnen und Schülern selbstständig den vier Fällen Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ zugeordnet werden. Dann erhält jedes Kind ein Arbeitsblatt, das es auszufüllen gilt. Differenzierte Aufgaben zu diesem Thema bearbeiten zwei Kinder mit Frau Murra im Vorraum. Währenddessen fällt es im Klassenraum einigen Kindern schwer, die Aufgaben ohne Hilfe zu bearbeiten. Ein Schüler ist wütend, fühlt sich überfordert und ruft mehrfach dazwischen. Es gelingt ihm nicht zuzuhören und auf Hilfe zu warten. Nach Ermahnungen landet sein Name auf der gelben Ampel. Da mit diesem Schüler ein Weiterarbeiten in der Klasse nicht mehr möglich ist, bringt Frau Berg ihn in die Kleingruppe zu Frau Murra. „Gut, dass wir jetzt zu zweit sind“, freut sie sich.

Die meisten Schülerinnen und Schüler bearbeiten nun selbstständig ihre Aufgaben. Das Arbeitstempo ist sehr unterschiedlich. Einige sind schnell fertig. Sie dürfen wahlweise Lernkarteien bearbeiten oder das Vortragen von Gedichten in der Halle üben. Am Ende der Stunde tragen Hennes und Valentin der Klasse „Novemberwetter“ von James Krüss vor. Weitere Kinder rappen sogar den Text von „Die sprechende Kastanie“. Zum Schluss der Deutschstunde liest ein Trio die Kurzgeschichte „Das ist ein Buch“ vor. Die jungen Zuhörer dürfen den Auftritt bewerten. Ein guter Abschluss des Arbeitstages. Ole strahlt. Betreuer Alexander hängt ihm seine Kette mit dem Talisman, einem kleinen Drachen, um. Jetzt geht es nach Hause.

Die Lehrerinnen Anne Berg und Stefanie Murra sehen sich schon am späten Nachmittag wieder. Elternsprechtag.


Ein Spezial zur Serie gibt es unter   www.nwzonline.de/gemeinsam-in-ganderkesee 

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