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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Bildung

Inklusion: Wenn Mutter Natur die beste Lehrkraft ist

24.06.2016
NWZonline.de NWZonline 2016-07-01T05:25:01Z 280 158

Inklusion:
Wenn Mutter Natur die beste Lehrkraft ist

Hollen/Stenum „Das ist der schönste Schulweg der Welt“, sagt Lehrerin Frauke Gerdes-Röben den Gast. Eine Gruppe von Kindern trifft sich jeden Morgen an der Eichenallee in Hollen. Vorbei an Bauernhöfen und Weiden mit Pferden geht es zum Unterricht – in den Großen Mittelhoop. Die Waldklasse, betreut von Gerdes-Röben und ihrer Kollegin Wiebke Vörding, ist etwas Besonderes in der Ganderkeseer Schullandschaft.

Die Waldklasse

hat im Sommer 1999 ihren Unterricht aufgenommen. Bis zu zwölf Kinder lernen bei Wind und Wetter im Mittelhoop bei Stenum. Informationen erteilt die Schule an Habbrügger Weg unter Telefon   04222/2358.

Der Wald mit seinen beinahe unendlichen Möglichkeiten lädt die Schüler ein, ihren natürlichen Bewegungsdrang und ihre Kreativität auszuleben. Die Kinder der Jahrgänge 1 bis 3 lernen durch Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen und Erleben. Der Wald bietet Ruhe und Stille und fördert so das Konzentrationsvermögen. Die positiven Naturerfahrungen prägen ein Leben lang, sagt Vörding unter Hinweis auf aktuelle Studien. „Das ist wie eine Spur im Schnee. Der Weg bleibt sichtbar, auch wenn der Schnee längst geschmolzen ist.“

Im Entenmarsch

Schon der Schulweg ist Lernort: „Tiere verbessern das Sprachverhalten der Kinder“, meint Gerdes-Röben. Derweil streicheln die Schüler die Pferde. „Das ist Knabber“, sagt Marina (8) und zeigt auf ein Fohlen. In den Wald geht es im Entenmarsch. Leon, 9 Jahre alt, ist heute das Glückskind. Er führt die Gruppe an. Der Tagesablauf unter dem Blätterdach ist genauso strukturiert wie bei einer Klasse im Schulgebäude: Erst Frühstück unter der Zeltplane, dann Hausaufgabenbesprechung, Mathe, Pause im Wald, Gesprächskreis, Leseecke auf Baumstämmen, sachkundliches Projekt oder Sprache, Kunst und Kreatives. Gegen 11.45 Uhr endet der Schultag.

Alle Unterrichtsmaterialien sind im Bauwagen untergebracht. Die Waldklasse mit ihren bis zu zwölf Kindern gehört zwar zur Förderschule am Habbrügger Weg; pädagogisch ist sie aber in der Grundschule Dürerstraße zu Hause. Ziel sei es, die Kinder, darunter einige mit sozialem und emotionalem Unterstützungsbedarf, spätestens wieder nach zwei Jahren zurück an die Regelschule zu bringen, wie Schulleiter Frank von der Aa erklärt. Bei extremen Wetterverhältnissen, etwa Sturm, kann die Waldklasse an der Dürerstraße unterkommen.

Glückskind Leon darf an diesem Tag das Datum auf dem Kalender am Bauwagen aktualisieren. Gemeinsam singen alle im Kreis das Lied von der Schnecke. Vorbildliches Sozialverhalten und gute Arbeitsleistungen werden mit Smiley belohnt. Ab zehn dürfen die Kinder in eine Schatztruhe greifen. Rida sucht sich an diesem Tag ein Crossauto aus. Auch zum Geburtstag gibt es Geschenke von den Lehrerinnen. Stolz zeigt Tobias seine Glückskette herum.

Ganzheitliches Lernen

Nicht allein der Große Mittelhoop ist das Revier der Waldklasse. Quer durch die Jahreszeiten gibt es Projekte. Neulich wurde der Kartoffelacker inspiziert. Es gibt Ernte- und Laternenfeste oder einen Apfeltag mit der Herstellung frischen Saftes. Neben dem ganzheitlichen Lernen steht das Sozialverhalten in der Gruppe obenan. Als Tobias sich beim Toben im Wald leicht am Finger schneidet, versorgt ihn Jenny mit einem Pflaster.

Auch das „Arbeitsbündnis“ mit den Eltern funktioniert prima. Gesundes Frühstück und wettergerechte Kleidung werden besprochen. Viele Familien seien auch offen für Hausbesuche, berichtet Vörding. „Wir haben sogar noch Kontakt zu den Eltern, wenn deren Kinder längst nicht mehr bei uns sind.“ Einer von ihnen, Ulrich Lehrfeld, kommt einmal pro Woche als Lesepate.

Der letzte Tag vor den Sommerferien ist auch in der Waldklasse ein besonderer Tag. Natürlich gibt es auch Zeugnisse. Aber die bestehen nicht allein aus Noten, sondern sind eine ausführliche Beschreibung des individuellen Leistungsstandes. Stolz hält „Jenny“ ihr erstes Waldzeugnis in den Händen. Rida, Leon und Tobias bekommen Abschiedsgeschenke. Nach den Ferien besuchen sie eine Grundschule in ihrer Nähe. Die Präsente, Fotobücher mit Bildern aus dem Waldschul­leben, stoßen auf ein großes Echo. „Tobi, da warst Du noch voll süß“, ruft ein Mädchen.

Nach dem Abschlusskreis darf Leon seine Mitschüler wieder aus dem Wald führen. „Hier, eine Zitronenmelisse“, sagt er, bricht einen Zweig ab und reicht diesen dem verdutzten Besucher. „Wir kennen uns im Wald aus“, sagt Leon voller Stolz.