• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Markt
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Events
  • Tickets
  • nordbuzz
  • FuPa
  • Kontakt
  • Werben
NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Bildung

„Wir stoßen immer wieder an Grenzen“

16.07.2015
Frage: Herr von der Aa, das Schuljahr 2014/2015 ist abgeschlossen. Was hat sich geändert im Vergleich zu den Vorjahren?
Von der Aa: Geändert hat sich in den vergangenen Jahren vor allem der Blick auf das einzelne Kind. Der ist viel intensiver geworden. Wir haben im Zuge der Einführung der Inklusion gelernt, noch genauer hinzusehen, wo liegen die Stärken, wo die Schwächen, wie können wir unterstützen. Letztlich profitieren alle Schülerinnen und Schüler davon. Aber es führt natürlich auch dazu, dass die Arbeit für jeden einzelnen Lehrer weiter zunimmt.
Frage: Ein Beispiel bitte.
Von der Aa: Ich komme gerade aus Zeugniskonferenzen. Bei den vierten Klassen bin ich als Schulleiter in allen Konferenzen dabei. In vielen anderen Klassen als Fachlehrer. Es ist beeindruckend, wie detailliert über jeden einzelnen Schüler berichtet wird. Diagnosen, Fördermaßnahmen und Lernentwicklungsfortschritte werden skizziert. Die kontinuierliche Arbeit nimmt natürlich viel Zeit in Anspruch und erfordert eine enge Zusammenarbeit der Klassen- und Fachlehrer. Für Kinder mit Förderbedarf ist der Aufwand aufgrund der zusätzlichen Gutachten ungleich höher.
Frage: Seit 2012 gibt es eine inklusive Beschulung, also Kinder mit und ohne Handicap lernen zusammen. Kann die Grundschule leisten, was da von ihr erwartet wird?
Von der Aa: Diese Frage kann ich nur mit einem klaren „Jein“ beantworten. Und um eine weitere Floskel zu bemühen: Der Weg ist das Ziel. Wir werden uns stetig weiter entwickeln müssen, um den gesellschaftlichen Ansprüchen gerecht zu werden. In den vergangenen Jahren haben wir im Schulverbund Ganderkesee bereits viele Entwicklungen vorangetrieben, die für eine inklusive Beschulung unablässig sind. Profitiert haben wir dabei von einer engagierten und sehr vertrauensvollen Zusammenarbeit, die so vielleicht nur in einem regional begrenzten Kontext möglich ist. Man kennt die Ansprechpartner und die Kommunikationswege. Trotzdem stoßen wir immer wieder auch an unsere Grenzen. Unterschiedliche Lernausgangslagen, unterschiedliche Elternwünsche, fehlende Experten sind nur drei Schlagworte, die zeigen, dass die bestmögliche Förderung für jedes einzelne Kind von vielen Faktoren abhängt. Faktoren, die wir als Schulen nicht immer beeinflussen können. Hinzu kommt der Einsatz der vorhandenen Ressourcen. Es stellt sich die Frage, ob der Aufwand immer im Verhältnis zum Nutzen steht. Für jedes Kind mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf wird ein umfangreiches Gutachten geschrieben. Dort kommen verschiedene Institutionen zu Wort: Kindergarten, Lehrer, Ärzte, Therapeuten, Eltern und weitere. Das Gutachten geht dann zur Schulbehörde. Dort wird über den Unterstützungsbedarf entschieden. Natürlich ist das Gutachten sinnvoll. Aber es ist fraglich, warum es alle zwei Jahre wiederholt werden muss. Jedes Kind begleitet eine individuelle Lernentwicklungsdokumentation vom Kindergarten bis zum Ende der Schulzeit. Ein entsprechender Förderplan kommt gegebenenfalls hinzu. Das würde doch ausreichen.
Frage: Reicht denn das Personal aus? Oder werden mehr Schulbegleiter für Schüler mit Handicap benötigt?
Von der Aa: Der Förderplan ist Aufgabe der Fachlehrer und der Klassenlehrer. Die Schulbegleiter erteilen ja keinen Unterricht, sondern sind unterrichtsbegleitend tätig. Das kann die Unterstützung bei der Handhabung bestimmter Arbeitsmaterialien oder Erklärung von Aufgaben sein und ist an vielen Stellen eine große Hilfe. Ich hadere vielmehr damit, dass der Arbeitsplatz der Sonderpädagogen zu wenig im Fokus steht. Der Lehrer als Handlungsreisender in Sachen Bildung – so wird das Aufgabenfeld der Sonderpädagogen, die mehrere Grundschulen betreuen, immer mehr wahrgenommen – kann nicht funktionieren. Den Kolleginnen und Kollegen fehlt eine pädagogische Heimat. Ursprünglich sind sie wie alle Lehrer angetreten, um sich um „ihre“ Kinder zu kümmern. Jetzt sind sie Berater und Unterstützer. Ein diametraler Wandel. Strategien und Visionen fehlen und können nicht nur der eigenverantwortlichen Schule überlassen werden.
Frage: Reicht die Fortbildung in Sachen Inklusion aus?
Von der Aa: Es gab eine große Anzahl von Kolleginnen und Kollegen, die bereits an einer Fortbildung teilgenommen haben. Das Landesamt für Schulqualität bietet ab dem nächsten Schuljahr an, dass ein Inklusionsberatungsteam in die Schule kommt und Fortbildungen macht.
Frage: Gleichzeitig müssen Zuwanderer integriert werden. Wie lösen Sie das?
Von der Aa: Eher geräuschlos. Auch hier sind individuelles Engagement und unkonventionelle Lösungswege gefragt. Allein an der Grundschule Dürerstraße haben wir 75 Kinder mit Migrationshintergrund. Im Zusammenhang mit den Kindern, die aus Syrien und anderen arabischen Ländern zu uns gekommen sind, hat der Schulverbund Ganderkesee eine Sprachlernklasse beantragt. Das kann aber nur dann funktionieren, wenn es ein zusätzliches Stundenkontingent gibt.
Frage: In Niedersachsen entfällt die Schullaufbahnempfehlung. Ein Manko?
Von der Aa: Sicher ist das eine gravierende Veränderung im Schulgesetz. Aber grundsätzlich ist zu sagen, dass bislang 95 Prozent der Eltern der Schullaufbahnempfehlung für ihre Kinder gefolgt sind. Lehrer und Eltern liegen in ihrer Einschätzung oft nah beieinander. Auch künftig wird es mindestens zwei Beratungsgespräche pro Schuljahr geben. Und am Ende steht dann ein Beratungsergebnis. Ohne die Unterstützung der Eltern geht es nicht.