Während der Corona-Pandemie haben sich viele Menschen ganz neue Formen der Beschäftigung im eigenen Zuhause gesucht. Hat sich dieser Trend auch auf die Ausleihen der Gemeindebücherei Ganderkesee ausgewirkt? – Leiterin Sigrid Kautzsch hat vor allem in einem Bereich einen Boom beobachtet: Brettspiele.
Frau Kautzsch, die Frankfurter Buchmesse hat in diesem Jahr wegen der Pandemie in weiten Teilen im Internet stattgefunden. Findet durch Corona jetzt auch das Lesen verstärkt online statt?
KautzschTatsächlich hat die Nutzung der Onleihe stark zugenommen, wir verzeichnen dort etwa ein Drittel mehr Ausleihen. Das Angebot ist in der Corona-Zeit aber auch deutlich hochgefahren worden – dafür hat das Land eigens Zusatzmittel bereitgestellt. Seit April bieten wir auch jedem Kunden Zugriff auf das Streamingportal „Filmfriend“, das eine Ergänzung zum Mainstream auf anderen Portalen bildet. Dort sind Filme aus dem Arthouse-Bereich und sehr schöne Dokumentationen zu sehen. Auch Kinderfilme gibt es.
Sind noch weitere Online-Angebote neu hinzugekommen?
KautzschEbenfalls im April ist das Angebot an Arbeits- und Lernhilfen stark ausgeweitet worden. Das Munzinger-Archiv und der Bereich der Lexika, deren Nutzung normalerweise kostenpflichtig ist, sind größer geworden. Das war und ist natürlich besonders für Schüler hilfreich, die zu Hause lernen.
Wie sieht es denn bei den physischen Medien aus? Hält die Pandemie die Menschen vom Bücherei-Besuch ab?
Der Bestand der Gemeindebücherei umfasst insgesamt 34 771 Medien – etwas mehr als zwei Drittel sind Printmedien, die Hälfte davon Kinder- und Jugendbücher. Bei den Nicht-Printmedien gibt es CDs (4419 Stück), DVDs (2468), Tonies (142), Konsolenspiele (612), Gesellschaftsspiele (712) sowie Geräte (29).
114 818 E-Medien sind über den Verbund „NBib24“ ausleihbar. Zudem haben Kunden Zugriff auf sechs virtuelle Plattformen, Dienste und Datenbanken sowie auf Zeitungen und Zeitschriften in der Printform (45) und in elektronischer Form (329).
Die Nutzung der Bücherei kostet für Erwachsene 15 Euro pro Jahr, für Kinder und Jugendliche ist sie kostenfrei. Volljährige Schüler und Studenten zahlen 8 Euro jährlich.
KautzschDie Hauptstelle der Gemeindebücherei war zwar in der Corona-Zeit nur etwa fünf Wochen geschlossen, trotzdem sind die Besuchszahlen noch längst nicht wieder auf Normalniveau. Es kommen deutlich weniger Kunden, aber diejenigen, die kommen, nehmen mehr Medien mit – was uns freut. Bei uns ist Hamstern ja erwünscht! Was den Kinder- und Jugendbuchbereich angeht, haben wir das Gefühl, dass viele Eltern sehr vorsichtig sind und Kinder, die sonst alleine in die Bücherei gekommen sind, nicht mehr einfach so laufen lassen. Eher kommen die Eltern allein.
Worauf führen sie das zurück?
KautzschIch glaube, viele sind einfach sehr vorsichtig. Aber es liegt auch daran, dass wir alles wegnehmen mussten, was zur Aufenthaltsqualität in der Bücherei beiträgt. Es soll momentan nicht gemütlich und kuschelig sein, damit sich die Kunden nur so lange wie nötig bei uns aufhalten. Alle Sitzmöbel sind weggeräumt, das Lesecafé gibt es nicht mehr. Auch die gemütlichen Ecken im Jugendbuchbereich, die sonst als Treffpunkt oder auch zum Arbeiten dienten, mussten verschwinden. Und die Spielkonsole ist eingemottet. Es tut uns weh, die Leute, die hier lesen möchten, wegzuschicken. All das steht eigentlich genau dem entgegen, worum wir uns vor Corona bemüht haben. Da saß samstags der Vater in der Bücherei und las Zeitung, während die Kinder in der Kinderbücherei gestöbert haben und die Mutter in Ruhe einkaufen konnte. Das geht zurzeit nicht.
Haben sich denn auch die Lesegewohnheiten verändert?
KautzschDas habe ich bislang nicht festgestellt. Aber auffällig ist, dass offenbar sehr viel mehr gespielt wird: Die Ausleihe von Brettspielen hat deutlich zugenommen. Die Familien gehen weniger raus und benötigen Unterhaltungsmedien für zu Hause.
Eines Ihrer erklärten Anliegen ist die Leseförderung. Ist die durch Corona auch ausgebremst worden?
KautzschJa, total! Alle Veranstaltungen waren erstmal auf null gefahren. Wir versuchen jetzt gerade, den Veranstaltungsbereich mit den Bücherzwergen und dem Bobbycar-Bilderbuchkino wieder zu starten. Aber die Besuche sind sehr begrenzt. Und die aktuellen Entwicklungen der Pandemie lassen die Leute noch vorsichtiger sein. Auch die Zusammenarbeit mit den Kindergärten ist auf Eis gelegt, und die Grundschulen bestellen eher Medienkisten, als dass sie zu uns kämen. Für November haben wir eine Lesung geplant, die nach derzeitigem Planungsstand auch stattfinden kann. Aber vieles andere ist ausgefallen – auch weil die Autoren nicht kommen wollten oder ihre Lesereisen generell abgesagt haben.
Die Zweigstellen der Bücherei sind wieder geöffnet?
KautzschJa, aber sie leiden sehr unter Corona. In Bookholzberg müssen die Kunden an der Tür klingeln. Das bedeutet eine Barriere. In Schierbrok fehlen die Grundschüler, die wegen der Schutzmaßnahmen in den Pausen nicht kommen können. Die Situation macht uns zu schaffen.
