Dötlingen - Dressur ist nicht gleich Dressur. Besonders gilt das bei Reitpferden. Einen besonderen Weg hat Hendrike Weidemann gefunden. Sie nennt ihre Reitkunst „Dressur in Freiheit“. Sie hat dazu ihre eigene Philosophie entwickelt. Wie sie die versteht und wie sie dazu kam, das erklärte Weidemann in der gepachteten Reitanlage am Tabken-Hof in Dötlingen.
Der Umzug
Aus der benachbarten Hansestadt Bremen verschlug es die Pferdetrainerin nach Dötlingen. Zum November 2019 kam der Umzug mit dem Pferd in die Pachtanlage, im selben Jahr folgte der Hausstand in eine neue Wohnung im Ort. Zwölf Offen-Boxen umfasst der Stall neben der Reithalle. Dazu gibt es Weiden, die nahebei genutzt werden können.
Die Ausbildung
Wenn sie über die Pferde und die Ausbildung spricht, klingt in ihrer Stimme die Begeisterung und viel Empathie für die vierbeinigen Sportkameraden mit. Bevor die 24-Jährige ihr erstes eigenes Pferd in Obhut nahm, war sie eine normale Reitschülerin. Geritten wurde nach der üblichen „Englischen Reitschule“. „Identifiziert habe ich mich mit dieser Reitweise aber eigentlich nie so richtig.“ Ihrer Reitlehrerin waren die Zügel immer zu lang. Das Pferd laufe nicht vernünftig. Will heißen, im Hals und Genick war der Kontakt nicht eng genug und die Beinaktionen waren zu wenig. „Das Pferd strampelte nicht genug“, lächelt Hendrike Weidemann beim Gedanken an die Anfänge. „Ich habe nichts gegen die Reitlehre. Was ich aber suchte, war ein pferdefreundlicheres und bedachteres Reiten.“
Dann kam im Alter von 15 Jahren der Kauf des ersten eigenen Pferdes, dem Hannoveraner Wallach „Lothar“. Die Suche nach alternativen Reitstilen für die Ausbildung wurde intensiviert. Schließlich fand die 24-Jährige ihr Ziel: die Barocke Reitkunst. Aber auch hier zeigte sich in dem mittlerweile mehrjährigen Trainer-Dasein, dass in der Praxis durch falsche Praktiken die Reitlehre nicht immer optimal umgesetzt wird. „Mittlerweile bezeichne ich meinen eigenen Arbeitsstil als das Arbeiten nach den Grundsätzen der alten Reitmeister wie zum Beispiel Frederico Grisone.“
Balance gefunden
Vertieft wird das Wissen vor allem in der Fürstlichen Hofreitschule in Bückeburg. Dort wurde von ihr auch Wallach „Lothar“ ausgebildet. Dort fand die Bremerin die Balance zwischen Mensch und Pferd. Sie besuchte Lehrgänge und Seminare, studierte Literatur. Auf dieser Basis entwickelte sie ihren Reitstil: Kein Kampf für den sportlichen Erfolg, sondern ein Miteinander für ein zwangloses und anspruchsvolles Reiten.
Im Dezember 2016 kam die Lippizaner-Stute „Bella“, eingetragen als „Benvenuta“, in den Besitz der Trainerin, neuestes Pferd im Stall ist seit Januar der dreieinhalbjährige Hengst „Océano“ – ein „Lusitano“ in der Farbe „Perlino“. Auf ihm liegen große Hoffnungen. „Ich bin gespannt auf die nächste gemeinsame Zeit und wie sich die Ausbildung gestalten wird“, sagt Weidemann.
Ein langer Tag
All das erfordert Koordination; denn immerhin hat die 24-Jährige einen Stall mit zwölf Pferden zu versorgen, Reitunterricht zu geben, die eigenen Pferde auszubilden und viele andere Arbeiten zu erledigen. Ihr Tag beginnt um 7.30 Uhr. Zwischen 23 und 24 Uhr geht Hendrike Weidemann das letzte Mal zum Nachfüttern in den Stall. Ein Leben für und mit den Pferden. Wie sagte doch der verstorbene Pferdefachmann Hans-Heinrich Isenbart: „Vergesst mir die Pferde nicht.“
