Neerstedt - Wenn Werner Knoll die Türen zu seiner Garage öffnet, sieht es so aus, als betreibe er einen Gebrauchtwarenhandel. Er holt ein Kinderfahrrad hervor, die Kette ist verrostet: „Das möchte ich als Nächstes reparieren.“ Seit 2015 bringt der Neerstedter Räder in erster Linie für Geflüchtete, aber auch für sozial Benachteiligte, wieder in Ordnung.
Aus drei wird eins
Im Diakonie-Ausschuss war ursprünglich entschieden worden, dass funktionierende Fahrräder gesammelt und weiter verteilt werden. „Das lief nicht so gut. Daraufhin starteten wir einen Aufruf: Bringt mir Fahrräder – egal, welchen Zustand sie haben“, erzählt der Neerstedter. „Dann lief’s besser.“
Seit 2015, als viele Geflüchtete nach Deutschland kamen, habe er rund 250 Fahrräder repariert, schätzt er. „Manchmal nehme ich zwei, drei Fahrräder und mache daraus eines.“ Menschen, die ihre alten Räder entsorgen wollen, werden auf den 74-Jährigen aufmerksam und bringen die ausrangierten Gefährte vorbei. „Mir wurden auch schon Teile aus Oldenburg gebracht“, erzählt Knoll, „und aus Friesoythe.“ Zweimal lieferte die Gemeinde Fahrräder aus dem Fundbüro. Meist müssten Reifen und Schläuche ausgetauscht werden. Manchmal würden auch Fahrraddecken oder einzelne Rücklichter vorbeigebracht. In Wildeshausen habe eine Werkstatt geschlossen, auch hier habe Knoll zwei Anhänger voll bekommen.
Vor allem die Geflüchteten aus dem Iran oder Irak könnten noch nicht Fahrradfahren: Sie kämen dann auch mal mit einem Rahmen- oder Gabelbruch zurück. „Die Frauen haben hier schon vor dem Haus geübt“, sagt Knoll, der an der Straße Natenheide wohnt. Mit Kuchen oder Pralinen bedankten sie sich ab und zu bei ihm, auch sei ihm schon ein Bild geschenkt worden.
Erhöhte Nachfrage
Mit Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar sei die Zahl der Interessenten wieder deutlich gestiegen: „Mütter mit Kindern standen vor der Tür: Fünf Räder wurden auf einmal gebraucht, für ganze Haushalte.“ Das Neun-Euro-Ticket habe zwar zwischenzeitlich für Entlastung gesorgt. Dennoch würden Räder weiterhin benötigt. Sei es, um zur Sprachschule in Wildeshausen oder zum Bahnhof in Brettorf zu kommen. „Es wird abgemacht, dass es meine Fahrräder bleiben“, sagt Knoll. „Wenn sie die Gemeinde verlassen, geben sie sie mir zurück – oder kaufen sie mir gegen einen kleinen Obolus ab.“ Die Reparatur kostet auch Geld: Der Neerstedter wird finanziell unterstützt durch das Spendenkonto der Kirchengemeinde. Manchmal verkauft er auch ein repariertes Rennrad, um mit dem Geld weiter arbeiten zu können.
Handwerkliche Hilfe bekommt er dabei nicht – und das bewusst. Wenn dem Helfer oder der Helferin etwas passiert, müsse das mit der Versicherung geregelt sein: „Das ist mir zu riskant.“
Räder gestohlen
Dass er gute Arbeit leistet, hat auch Nachteile: 2021 wurden elf seiner Fahrräder an den Bahnhöfen Brettorf und Wildeshausen gestohlen. In diesem Jahr waren drei Kinderräder verschwunden. Demotivieren lässt sich Werner Knoll dadurch nicht. Es seien zwar so einige Arbeitsstunden, die er an den Drahteseln verbringe: mal in der Garage, mal an der frischen Luft. Aber es macht ihm Spaß: „Ich spreche all den Unterstützern und Helfern meinen Dank aus.“
