Kühlingen - „Eigentlich“, sagt Karin Wilkens, „wollten wir an diesem Wochenende wieder aufmachen.“ Stattdessen hat sie am Freitag damit begonnen, Tische und Stühle vor ihrem Melkhus in Kühlingen beiseite zu räumen, und ein Schild aufgestellt: „Wegen Krankheit geschlossen“. Auf Facebook wird Karin Wilkens noch deutlicher: Sie bittet Besucher dringend, die verbliebenen Tische nicht zu besetzen und Kinder nicht an die Spielgeräte zu lassen.
An Blutkrebs erkrankt
Denn jeder Kontakt von und mit anderen könnte gefährlich werden für ihren Mann: Hans-Gerd Wilkens befindet sich in einer lebensbedrohlichen Situation. Der 53-jährige Landwirt ist zum zweiten Mal an Blutkrebs erkrankt. Zwar gibt es große Hoffnung für ihn, denn ein passender Stammzellenspender wurde bereits im Juli gefunden. Aber vor der Operation muss Hans-Gerd Wilkens sich einer hochdosierten Chemotherapie unterziehen, durch die sein Immunsystem praktisch lahmgelegt wird – jeder Keim könnte tödlich werden für ihn. Und die Infektionsgefahr ist besonders hoch in diesen Corona-Zeiten.
Schilder missachtet
Deshalb hatte sich die Familie in der vergangenen Woche so sehr geärgert, dass sie sich über Facebook an die Öffentlichkeit wandte. „Einige Leute haben die Schilder überhaupt nicht beachtet und sich hingesetzt, obwohl das Melkhus geschlossen war“, berichtet Karin Wilkens. Zudem hätten die ungebetenen Besucher ihre Kinder an die Spielgeräte gelassen. In normalen Zeiten werde das schon mal außerhalb der Öffnungszeiten geduldet, so die Betreiberin – aber es sind keine normalen Zeiten. Niemand in der Familie dürfe sich jetzt infizieren, betont Karin Wilkens.
Acht Wochen in Klinik
Ende März/Anfang April ging es bei ihrem Mann mit Schwindelgefühlen und Schmerzen los. Im Juni stand die erschütternde Diagnose fest: Hans-Gerd Wilkens war wieder an Blutkrebs erkrankt war – wie schon vor einem Vierteljahrhundert. Damals half ihm eine Knochenmarkspende, um wieder zu gesunden. Auch jetzt überwiegt der Optimismus, dass der Familienvater die Krankheit noch einmal besiegt. Mindestens acht Wochen muss er dafür in der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf bleiben. Besuch darf er in dieser Zeit nicht empfangen – Corona macht das unmöglich. „Wir üben jetzt mit ihm am Smartphone“, erzählt seine Frau. Mit Whatsapp oder Facetime hatte sich ihr Mann bisher nicht so intensiv befasst.
Wichtige Familienfeier
Aber die Hochzeit seiner Tochter Femke in diesem September war ihm ungemein wichtig, dafür wurde die Stammzellen-Übertragung in Absprache mit den Ärzten noch einmal aufgeschoben. Danach folgten wieder Corona-Tests und Quarantäne, nun kann am kommenden Montag die Chemotherapie beginnen. Und vorher darf keine Infektion mehr dazwischen kommen.
