Wildeshausen - „Wir Vergessen!“ stand am Donnerstagvormittag für einige Minuten in großen, weißen Buchstaben auf der Anhöhe des Jüdischen Friedhofs in Wildeshausen. Dann wurden zwei weitere Wörter dazwischen aufgestellt, die den Satz „Wir gegen das Vergessen!“ vervollständigten. Es mag ein Zufall sein, aber auf diese Weise erschien die mahnende Botschaft angesichts des Internationalen Holocaust-Gedenktags am 27. Januar noch deutlicher: dass der Genozid an Jüdinnen und Juden, die Schoah, auch rund 80 Jahre danach im Bewusstsein bleiben müsse.
„Kein Platz für Nazis“
Wildeshausens stellvertretender Bürgermeister Wolfgang Däubler erinnerte die rund 100 Anwesenden an die sechs Millionen Getöteten, an die vermeintliche Ahnungslosigkeit vieler Menschen nach der deutschen Kapitulation ob der NS-Tötungsmaschinerie, an die oft unhinterfragten vorangegangenen Demütigungen, Enteignungen und Schikane. Er sprach auch von Widerständlern, von „stillen Helden“, die jüdische Mitbürger bei sich versteckten. Damals wie heute gelte es, die Menschenwürde zu schützen: „Für Nazis darf es keinen Platz – weder in Deutschland, noch in Europa, noch in der Welt – geben.“
Bodo Gideon Riethmüller, Beisitzer der Jüdischen Gemeinde zu Oldenburg, lobte die in Wildeshausen seit elf Jahren praktizierte Form des Holocaust-Gedenkens entlang von Schulprojekten, die „Modellcharakter“ habe. Über Verfolgung und Völkermord aktiv nachzudenken, sei wichtig, „damit Rassenhass und Genozid nie wieder eine Chance haben“. Die Realschule hatte in diesem Jahr den Friedhofsbesuch organisiert und eine Ausstellung in ihrer Aula erarbeitet.
Gefahr Antisemitismus
„Wir gedenken heute Menschen, deren einziges ‚Verbrechen‘ es war, dass sie Juden waren“, sagt Riethmüller. „Wir rufen der Welt zu: Erinnert euch, gedenkt!“ Die Ermordeten aus Wildeshausen stünden stellvertretend für den stummen Schrei: „Vergesst uns nicht! Lasst es nie wieder geschehen!“ Das gelte neben der sinkenden Zahl an Zeitzeugen umso mehr angesichts einer weiterhin verbreiteten „Verunglimpfung oder gar Leugnung“ des Holocausts und sich häufenden antisemitischen Vorfällen und Anschlägen – wie bei der „Documenta“ in Kassel 2022 oder bei den Angriffen in Hanau 2020 und auf die Synagoge in Halle 2019.
„Der Weg“, schloss Riethmüller vor der Kranzniederlegung, „ist noch weit – und es ist ein dorniger Weg.“ Rabbiner Tobias Jona Simon vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden beendete den Friedhofsbesuch mit einem Gebet. Nach Angaben der Forschungsgemeinschaft „Alemannia Judaica“ sind 14 jüdische Personen, die in Wildeshausen geboren wurden und/oder gelebt haben, in der NS-Zeit umgekommen.
Bodo Gideon Riethmüller, Beisitzer der Jüdischen Gemeinde zu Oldenburg, lobte das Wildeshauser Modell des Holocaust-Gedenkens entlang von Schulprojekten. BILD: Thilo Schröder
