Landkreis - Seit Jahren blicken Politik und Verwaltung im Landkreis Oldenburg mit Sorge auf die Entwicklung in der Altenpflege: Demografischer Wandel und Fachkräftemangel führen zu einem immer größeren Missverhältnis zwischen dem wachsenden Bedarf und dem vorhandenen Angebot. Die Gerontologin Veronika Grziwa, seit dem vergangenen Jahr im Kreishaus für die Seniorenhilfe zuständig, belegte dies am Dienstag vor dem Kreistagsausschuss für Soziales und Gesundheit mit Zahlen.
Pflegebedürftige
Der im vergangenen Herbst fertiggestellte erste Pflegebericht für den Landkreis Oldenburg ist zwar nicht auf dem ganz aktuellen Stand, die meisten Statistiken enden im Jahr 2021. An dessen Ende waren im Landkreis 8033 Menschen pflegebedürftig – mehr als doppelt so viele wie zehn Jahre zuvor (2011: 3844). Die starke Zunahme hat verschiedene Gründe, auch bürokratische: 2017 wurde der Begriff der Pflegebedürftigkeit neu definiert und 2020 wurden die Menschen, die dem Pflegegrad 1 unterliegen, erstmals vollständig erfasst – beides führte jeweils zu stark ansteigenden Zahlen.
Das kann indes den Trend nicht verschleiern: Der Anteil der Alten, die potenziell Pflege brauchen, steigt rasant. Ende 2021 waren rund 29.000 Frauen und Männer im Landkreis älter als 65 Jahre, 2035 werden es etwa 38.000 sein. Der Anteil der Über-90-Jährigen wird in diesen 14 Jahren um etwa 40 Prozent von 1261 auf 1755 Personen wachsen. Pflegebedürftig sein werden 2035 nach den Prognosen 9305 Personen – gut 15 Prozent mehr als jetzt. Das erscheint noch beherrschbar.
Pflegende Angehörige
Aber nur, wenn das Angebot und der Personalbestand im Pflegebereich mitwachsen. Die Zahlen sind da nicht besonders ermutigend. Die größte Last tragen die Angehörigen: Gut 80 Prozent der 8033 Pflegebedürftigen werden zuhause versorgt, nach Angaben von Veronika Grziwa waren das 2021 genau 6435 Personen. Auch hier hat sich die Zahl gegenüber 2011 (2570) mehr als verdoppelt – was vor allem mit der vollständigen Erfassung des Pflegegrades 1 im Jahr 2020 zusammenhängt. Etwa 11.000 bis 12.000 Angehörige sind in die Pflege eingebunden.
Pflegedienste
In 1267 Fällen wurden die Angehörigen durch ambulante Pflegedienste unterstützt. Deren Zahl ist im Landkreis Oldenburg zwischen 2011 und 2021 von 15 auf 21 gestiegen. Während der Landkreis bei der Tagespflege mit 229 Plätzen aus Sicht der Seniorenhilfe gut aufgestellt ist, hapert es bei der Kurzzeitpflege: Es gebe keine Einrichtung im Landkreis, die Angehörige – etwa für einen Urlaub oder bei Krankenhausaufenthalten – zuverlässig entlasten könnte, indem sie befristet Pflegeplätze zur Verfügung stellt, sagte Grziwa. Pflegebedürftige und deren Familien könnten höchstens „eingestreute Kurzzeitplätze“ in Anspruch nehmen.
Pflegeheime
Die Anzahl der Pflegeheime ist im Landkreis Oldenburg in dem Zehn-Jahres-Zeitraum mit 27 Einrichtungen konstant geblieben, das Angebot an Plätzen in der stationären Pflege stieg aber von 1468 (2011) auf 1846 (2021). Allerdings konnten zuletzt 177 Betten in Pflegeheimen nicht belegt werden, weil das Personal dafür fehlte.
Pflegekräfte
Und da besteht die größte Herausforderung: Zu wenige Menschen arbeiten in der Pflege. Analog zum Zuwachs bei den Pflegediensten stieg auch die Anzahl der Beschäftigten in der ambulanten Pflege: von 368 (2011) auf 677 (2021). In den Pflegeheimen jedoch blieb die Mitarbeiterzahl in den letzten sechs Jahren konstant bei etwas mehr als 1700 Stellen – davon die meisten in Teilzeit. Erschwerend hinzu komme, dass viele Pflegefachkräfte aus dem Landkreis in die benachbarten Städte auspendeln. Um für immer mehr Pflegebedürftige auch in Zukunft die Versorgung sicherzustellen, so mahnte Veronika Grziwa, „müssen wir uns auf den Weg machen. Denn Pflege und Alter betrifft uns letztendlich alle!“
