Dr. Erika Butzmann steht einer Krippenbetreuung von Kleinkindern kritisch gegenüber. Warum sie das so sieht, erklärt die Wildeshauserin in einem VHS-Vortrag – und in einem Gespräch mit unserer Zeitung.

Ihr Vortrag trägt den Titel: „Geht es meinem Kind in der Krippe gut?“ Die Fragestellung impliziert eher ein „Nein“ als ein „Ja“. Warum sehen Sie das so?

ButzmannEs ist weder ein Nein noch ein Ja, weil genau geschaut werden muss, ob es dem Kind wirklich gut geht. Denn es gibt viele Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen mit der Fremdbetreuung besonders in den ersten zwei Jahren massiv überfordert sind. Einem Teil der Kinder macht es jedoch nichts aus. Dies herauszufinden, ist Inhalt des Kurses.

Welche Folgen sehen Sie, wenn Kleinkinder so früh in eine Betreuung gegeben werden?

ButzmannDie Bindungsentwicklung ist erst gegen Ende des zweiten Lebensjahres einigermaßen stabil, so dass die täglichen Trennungen vorher stresserzeugende Verlassenheitsängste hervorrufen, die von Erzieherinnen nicht wirklich aufgefangen werden können. Aus Studien ist bekannt und das deckt sich mit meinen Erfahrungen, dass später Angststörungen, hohe Unruhe, starke Widerständigkeit und erhöhtes aggressives Verhalten auftreten.

Vortrag am Dienstag

Geht es meinem Kind in der Krippe gut? Antworten auf diese Frage gibt Dr. Erika Butzmann in einer Vortragsveranstaltung der Volkshochschule Wildeshausen am kommenden Dienstag, 26. April. Beginn ist um 19 Uhr im VHS-Gebäude an der Wittekindstraße 9. Die Erziehungswissenschaftlerin und Entwicklungs-Psychologin Erika Butzmann (73) will über die Ursachen für mögliche Belastungen durch eine zu frühe und zu lange Krippenbetreuung aufklären und über besondere Merkmale in der frühen Entwicklung des Kindes informieren.

Anmeldungen sind noch unter Tel. 04431/71622 oder info@vhs-wildeshausen.de möglich. Die Teilnahme kostet 7,80 Euro. Bei der regioVHS Ganderkesee-Hude, Rathausstraße 24 in Ganderkesee, findet der gleiche Vortrag am Donnerstag, 12. Mai, ab 19 Uhr statt. Anmeldung hierfür unter 04222/44444 oder anmeldung@regiovhs.de.

Aber wirken die Begegnung und der Austausch mit anderen Kindern nicht anregend, auch schon für Kleinkinder?

Butzmann Das ist nur dann der Fall, wenn sie mindestens zweieinhalb Jahre alt sind und es den Kindern durchweg gut geht, was in den Krippen allein schon durch den derzeitigen Personalmangel kaum möglich ist.

Ist es für Kinder aus sozial schwierigen Familienverhältnissen nicht eher fördernd, in einer Krippe betreut zu werden?

Butzmann Studien zufolge ist es für diese Kinder nur dann fördernd, wenn die Bedingungen in den Krippen optimal sind. Das wäre möglich, wenn insgesamt erheblich weniger Kinder in den Krippen betreut würden.

Und was ist mit den Kindern aus Migrantenfamilien: Für die Sprachentwicklung und das Kulturverständnis kann es doch keinen besseren Lernort geben als Krippe und Kindergarten...

ButzmannDas trifft nur auf den Kindergarten zu, wenn diese Kinder ihre Muttersprache beherrschen und dann gut die neue Sprache lernen können. Eine Krippenbetreuung vor zweieinhalb Jahren ist für diese Kinder nicht zu empfehlen.

Die Krippe ist ja nicht nur fürs Kindeswohl gedacht, sondern auch als eine Unterstützung zur schnelleren beruflichen Wiedereingliederung von Vätern und vor allem Müttern...

ButzmannSie sagen es: Die Krippe ist nicht fürs Kindeswohl gedacht. Also stellt sich doch die Frage, ob das Kindeswohl einfach zu Gunsten der beruflichen Wiedereingliederung der Eltern missachtet wird, wenn die Kinder in der sensibelsten Lebensphase in die Fremdbetreuung müssen. Eine Auszeit von zwei bis drei Jahren dürfte für die meisten machbar sein, wenn die Arbeitgeber einbezogen werden. Ich verstehe die Nöte von Alleinerziehenden. Aber für die Mütter, die arbeiten müssen, wäre eine finanzielle Unterstützung möglich, wenn die Kosten eines Krippenplatzes auf sie entfallen würden. Das sind 1000 bis 1500 Euro pro Monat.

Ihre Theorie würde insbesondere jungen Frauen, die gut ausgebildet sind, die Karriere verbauen...

ButzmannEs dürfte kaum eine Verbauen der Karriere sein, wenn diese Frauen etwas später mit der Karriere beginnen.

Aber in der Praxis bekommen viele Frauen heute erst mit 30 oder noch später Kinder, vorher sind sie oft schon beruflich erfolgreich. Wollen Sie denn das „Heimchen am Herd“ wiederhaben?

ButzmannDavon kann keine Rede sein. Aber es ist nun mal so, dass Kinder in den ersten zwei Lebensjahren sehr auf die Mutter fixiert sind. Das hat auch mit der Schwangerschaft und dem Stillen zu tun. Natürlich müssen sich entsprechend den Entwicklungsbedürfnissen der Kinder auch die Väter einbringen. Und schließlich sind vor allem die Arbeitgeber gefordert: Es gibt inzwischen viele Firmen, die Frauen in der Erziehungsphase sehr gute Angebote machen.

Hergen Schelling
Hergen Schelling Redaktion für den Landkreis Oldenburg (Leitung)